Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Hochobir-Tropfsteinhöhlen, A


Im April 2003 gab es eine Art Neueröffnung dieser noch relativen jungen Schauhöhlen am Südrand Kärntens. Wer da heute mal einen Besuch macht, der kann einen Blick in die Zukunft des Betriebs von Schauhöhlen machen. Es genügt heute den meisten nicht mehr, einfach nur eine Höhle zu haben, sie zu öffnen, zu erschließen, zu beleuchten und Leute durchzuführen. Das Stichwort ist "Inszenierung". Aus dem Wandern durch die natürliche Unterwelt wird ein Erlebnis, bei dem möglichst alle Sinne angesprochen werden, wo man belehrt und unterhalten wird - und bei dem auf diesem Wege möglichst viel Geld beim Betreiber hängenbleibt.

Am 8. Mai 2003 wollte ich eigentlich nur vom Hemmaberg im Süden Kärntens über den Seebergsattel hinüber nach Slowenien. Erst häuften sich die Hinweistafeln auf die Schauhöhle, dann hingen in Eisenkappel jede Menge Transparente quer über die Hauptstraße mit Hinweisen auf die nächstgelegenen Parkplätze. Mitten im Ort war die Schauhöhlenverwaltung, vor der sich ein Pulk Touristen gesammelt hatte, die auf einen gerade dort haltenden großen gelben Reisebus zuströmten. Ich hatte nur einen Moment Zeit, um zu entscheiden, was ich tun sollte. Zufällig war ein Parkplatz frei, ich hielt, holte die Digitalkamera heraus, und war schon unterwegs zur Kassa. Ob ich noch mitfahren könne? Ja, es seien noch Plätze frei, aber es werde gleich losgefahren. 3 1/2 Stunden sei ich unterwegs - eine rekordverdächtige Dauer für einen Schauhöhlenbesuch. Auch der Preis hat sich gewaschen, 17 € sollte ich bezahlen. Auf meinen Einwand hin, das sei ganz schön teuer, bekam ich den Gruppenpreis, einen € weniger.

Der Schauhöhlenbetrieb ist sehr gut organisiert. Daß man den Ausgangspunkt mitten in den Ort gelegt hat, ist wohl Absicht. Man will die Leute hereinlocken, nicht draußen halten. Andere haben dieses Konzept ebenfalls sehr erfolgreich verwendet, man muß nur nach Han in Belgien schauen, wo der ganze Ort inzwischen von der Schauhöhle im wesentlichen zu leben scheint. Besucher scheint es bei den Obirhöhlen genug zu geben. In Spitzenzeiten sollen es um die 1000 sein, die da täglich durchgeschleust werden, auch eine enorme logistische Leistung. Denn die Höhle ist nicht mitten im Ort, sondern einige Kilometer davon entfernt, hoch oben bei der in einer Seehöhe von 1080 m liegenden Unterschäffleralpe. Eine für den normalen Verkehr gesperrte schmale Teerstraße führt hinauf, die nur von den Bussen mit Schwung befahren wird. Während man sich langsam aus dem Tal in vielen Haarnadelkurven hinaufschraubt, erklärt einem eine sympathische Tonbandstimmendame die Region und ihre Geschichte, von den Anfängen bei den Römern über die geologische Situation und dem damit verbundenen Bergbau bis in die neueste Zeit mit ihrem Ausbau der unterirdischen Räume zu einer attraktiven Schauhöhle. 

Flugs ist die Zeit vergangen und der schlingenförmige Parkplatz vor dem modernen Schauhöhlengebäude ist erreicht. Von einem Aussichtspunkt am Hangrand kann man über den Nordrand der Alpen und das Kärntner Vorland schauen. Im Gebäude wartete bereits die Führerin, staffierte uns alle mit rotem Bauhelm und, wer es wollte, auch mit einem wärmenden Umhang aus. 8° C hat es nur in der Höhle und im Bergwerk. Eine Tür geht auf und schon steht man im ersten Bergwerkstollen. Die Besuchergruppe wurde in einer Ecke postiert und gleich fotographiert. Wer es wollte, konnte bereits am Ende der Führung ein Gruppenfoto mitnehmen - eine elegante Methode, in vielen Höhlen inzwischen praktiziert, um den Leuten noch  ein paar mehr Moneten aus der Tasche zu locken. 
Dann ging es noch nicht los ins Bergwerk. Erst bekam man mal die Geschichte des jungen Bergmanns erzählt, der angeblich die Höhle gefunden hat und der, zumindest will das so die Sage, von dieser Entdeckung nie mehr zurückgekehrt ist. "Ich, ein junger Bergmann, bin gefangen in dieser wundersamen Welt. Geboren zu Eisenkappel anno 1846. Wagte zu viel. Achtete nicht der Bergfeen, der Zwergen stilles Geheimnis. Nun halten sie mich hier gefangen. Einst verliebt, sehne ich mich nach den Menschen, die mir nahe standen. Berg - ich rufe Dich, gib mich frei! Ihr Feen, Gestalten der Urzeit, gestattet mir meine Wiederkehr.. Du, wundersamer Besucher, spüre meinem Geheimnis nach... Rette mich!" In diesem Stil geht es los, eine Tonbandstimme "aus einem versteckten Winkel" stimmt die Besucher zeitgemäß ein.

Der "Wilhelm-Stollen" führt geradeaus etwa 200 m hinein. Dort steht eine Holzfigur der Schutzheiligen der Bergleute, der heiligen Barbara. Von hier gehts nach rechts in weiteren Bergwerksstollen. In Seitenästen sind mit lebensgroßen Figuren die Bergleute und ihre Arbeit dargestellt, bis hin zum Plumpsklo. Von Stille im Berg ist hier auf weite Strecken nichts mehr übrig. Man wird fast überall musikalisch beschallt in den Gängen, am Anfang mag das ja noch angehen, aber auf Dauer wirds schon richtig lästig. Ein eisernes Stiegenhaus gehts hinauf und dann erreicht man eine größere Kammer, wo es die erste Inszenierung gibt. Als Zeitreise ist der ganze Besuch ja konzipiert, zurück um rund ein Jahrhundert, in die Zeit der Entdeckung der Höhle. Die kann man da erleben. Von hinten wird auf eine quer durch den Raum gespannte Leinwand ein kurzer Film projiziert, der Bergleute beim Einrichten einer Sprengstelle zeigt. Nachdem der Sprengstoff in der Felsspalte ist, wurden Kinder gesucht, die den Sprengkasten, der vor uns stand betätigen würden. Sie drückten die Stange nach unten und los gings. Eine Explosion erschütterte den Raum, die Lichter gingen erst mal aus und dann dahinter wieder an. Nachgestellt war, daß auf einmal die Wand verschwunden war und der Weg in die Höhle freigeworden war. Man sah hintergründig angeleuchtete Höhlengänge und erste Tropfsteine, so oder so ähnlich soll es dem ersten Bergmann ergangen sei, auf dessen Spuren nun der Besucher weiter vordringt. 
Schöne Tropfsteinräume tun sich auf, eigentlich sind es ja 3 verschiedene Systeme, die "Kleine Grotte", die "Lange Grotte" und die "Wartburghöhle", nirgends sehr groß, aber überraschend prachtvoll dekoriert. Son-et-lumière-Shows in den einzelnen Teilen, sprechende berührbare Stalagmiten als Gageinlage, am Ende wohl ein neu erschlossener enger Felsengang, dessen wahre Pracht sich erst beim Hinausgehen wirklich zeigt. Dort wo die Führerin ihren Helm auf den Boden gelegt hat, dort solle man mal nach links schauen. Tatsächlich ist hier ein märchenhaft beleuchteter langgestreckter Höhlensee für den zu sehen, der sich bücken will. 
Eine Einlage habe ich noch nicht beschrieben: Wieder führt der Weg in einen Saal mit Projektionswand. Unheimliche Geräusche aus dem Innern, dann Nebel, Dampf und dann die Ursache: ein Drache taucht auf, ein Spiel mit unserer Phantasie und unseren Ängsten. Als sich der Spuk auflöst, Licht aus, Spot an: der Blick auf eine Schatztruhe ist frei. Draußen im Schauhöhlenhaus steht auch so ein Exemplar: Dort dürfen die Kinder sich säckchenweise poliertes Gestein für gute € mitnehmen und das Plündern der natürlichen Höhlen wird etwas zivilisiert.

Durch den höher liegenden "Markusstollen" verläßt man die Unterwelt wieder und hat noch einen etwa 10minütigen Fußweg zurück zum Parkplatz vor sich. Es war noch viel Zeit, eh der Bus uns wieder zu Tal brachte. Da wäre eine gute Gelegenheit zum Nutzen der Infrastruktur: ein Höhlencafe gibt es und einen Souvenirladen, wo alles angeboten wird, was halt so braucht oder auch nicht, vom Stocknagel bis zum Höhlenvideo. Der Bus brachte uns sicher wieder talwärts und 4 Stunden später war das Ganze wieder zu Ende. Ein ereignisreicher Nachmittag.

Die Höhle wurde 1870 im Markusstollen angefahren. Jahrhundertelang war hier hauptsächlich nach Bleierz schon geschürft worden. Um 1895 hatte man bereits 2 km Höhlenstrecken vermessen. Um 1903 fanden bereits erste Führungen statt. 1955 wurde sie praktisch wiederentdeckt durch Mitarbeiter des Bundesdenkmalamtes in Wien, nachdem der Bergbau längst eingestellt worden war und alles wieder in Vergessenheit geraten war. 1991 wurde sie für die Öffentlichkeit geöffnet. Einen neuen Anstoß für eine Weiterentwicklung kam durch ein mit EU-Geldern finanziertes PHARE-Projekt, das die touristische Förderung von 7 nahe beieinander liegenden unterirdischen Objekten in Österreich, Italien und Slowenien gefördert hat. 

 

Das Schauhöhlengebäude
Das Gebäude vor der Höhle bei der Unterschäffleralpe
 
Der Plan der Höhle und des Bergwerks

Ein Hauer

r Ein Sprengkasten zur Unterhaltung der Besucher - von Kindern zu bedienen
 
r abgeschlagene Deckentropfsteine
Die Höhlenbeleuchtung
 
 
"Tropfsteine" zum Berühren - 

die sprechen mit einem hinterher

 
Details

Tropfsteine von oben

und Schimmel an der Decke

Alles fürs Gaudium:

eine Schatzkiste

und eine Drachenzeichnung

  Höhlenmöblierung auf kärnterisch
 
  Zauberhafter Höhlensee

- ausgezeichnet ausgeleuchtet

  Der Ausgang

 


Literatur:

Bouchal, Robert, Wirth, Josef

Österreichs faszinierende Höhlenwelt, Pichler-Verlag, Wien 2000

Trimmel, Hubert

Beobachtungen aus den Tropfsteinhöhlen bei der Unterschäffleralpe im Hochobir (Kärnten). Die Höhle, 10. Jg., 1959, H. 2 S. 25-33
Haderlapp, P. DIe Obir-Tropfsteinhöhle, Bad Eisenkappel 1997
Trimmel, Hubert Die Obir-Tropfsteinhöhlen - eine neue Schauhöhle in Kärnten, DIe Höhle, 42. Jg., H. 1, Wien 1991, S. 57-66
Spötl, Christoph Das Untertagelabor in den Obir-Höhlen, Die Höhle 1-4/2004, S. 34ff.
Bouchal, Robert, Wirth, Josef Höhlenführer Österreich, Wien 2001

 

Links:

Show Caves of Austria Obir Tropfsteinhöhlen


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