Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Emma-Kunz-Grotte, Schweiz


Fährt man von Zürich Richtung Bern auf der Autobahn, dann kommt man sehr nahe an Würenlos vorbei, das rechterhand liegt. Eine richtige Höhle ist in diesem Hügelgebiet, das aus dem Tertiär stammt, nicht zu erwarten. Aber eine ganz außergewöhnliche künstliche Grotte, die ihresgleichen sucht.

Die 15 m dicke Muschelsandsteinschicht unterhalb einer mächtigen Sandsteinlage ist schon von den Römern abgebaut worden, die schon Steine für den Bau von Vindonissa, dem heutigen Windisch, brauchten. Wegen der großen Härte fand der Stein auch als Mühlstein Verwendung. Im Mittelalter wurden Kirchen und Häuser daraus gebaut, später ging man dem Gestein mit industriellen Methoden zu Leibe. Anfang der 70er Jahre wurde allerdings der Abbau wegen Unrentabilität eingestellt.

Die Grotte wurde 1915 wurde von Emil Schmidlin, dem damaligen Besitzer, und 1943 unter Anweisung von Emma Kunz erweitert.

Als ich am 3.3.1987 mit einigen Münchner Höhlenforscherkameraden einmal dort war, lag alles wieder im Winterschlaf da. Kein Mensch war zu sehen, es hatte frisch geschneit, alles war leicht weiß überzuckert. Ein sehr friedlicher Ort.

Was hat es Besonderes mit dieser "Grotte" auf sich? Die Geschichte liest sich wie folgt: 1941 sei der Sohn des Steinbruchbesitzers von einer Kinderlähmung heimgesucht worden. Alle konsultierten Ärzte waren ratlos, Heilung schien unmöglich. Da wurde Emma Kunz, "Naturheilärztin, Forscherin und Künstlerin" eingeschaltet. Sie soll das Problem ausgependelt haben und gab dem Vater die Auskunft, daß "ganz in der Nähe seines Wohnortes das Heilmittel zu finden sei, mit dem sein Sohn genesen könne." Sie soll mit dem Pendel die Gegend abgesucht haben, und an einem Ort schlug es plötzlich sehr stark aus, in ihren Worten: "Noch niemals habe ich derart starke, heilende Kräfte verspürt." Man zermalte nach ihrer Anweisung den Muschelsandstein zu Pulver, vermischte ihn mit Wasser, und machte dem gelähmten Kind Umschläge auf Knie- und Fußgelenke, Halswirbel und Schilddrüse. Nach wenigen Wochen soll das Kind wieder auf Krücken gehen haben können, nach Monaten soll es völlig geheilt gewesen sein. Eine richtige Wundergeschichte.

Kein Wunder, daß sich "Esoteriker" mit diesem Ort befaßt haben. Rutengänger sollen ihn als den Ort bezeichnet haben, der die stärkste bekannte Erdstrahlung der Welt habe, stärker noch als Lourdes oder Chartres. Menschen soll immer wieder zur Meditation hierher kommen, auch Messen verschiedener christlicher Glaubensrichtungen wurden hier schon abgehalten.

Trotz aller Fortschritte der Wissenschaft, auch der Medizin, läßt sich auch heute manchmal nicht genau erklären, warum jemand wieder gesundet und ein anderer nicht, warum jemand auf ein Medikament anspricht und der gleiche Stoff bei jemand anderem scheinbar keinerlei Wirkung hat. Erfolgreich ist das, was hilft, und wenn es ein Placebo ist! Was ist "Aion A"? Es ist das für medizinische Zwecke aufbereitete "Heilgestein" von Würenlos, registriert bei der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel. Man kann es äußerlich anwenden, aber auch innerlich (bei Magen- und Darmerkrankungen).

Mitte der 80er Jahre wurde ein Projekt entwickelt, bei der Emma-Kunz-Grotte ein Kur- und Kulturzentrum aufzubauen. Wie der Stand der Dinge heute tatsächlich ist, ließ sich für mich nicht recherchieren. Ein kleiner Hinweis dürften die Internetlinks sein, die es heute zur Emma-Kunz-Grotte gibt. Dort finden wir nämlich keine Hinweise darauf und die paar, die ein bißchen darauf hingedeutet haben, verschwinden scheinbar wieder vom Netz. Ganz neu ist allerdings der Hinweis auf eine Ausstellung in Zürich, wo Emma Kunz als einziger Frau neben Beuys, Steiner und ... eine zentrale Rolle spielt.

 
 
 

Am 18. Juli 2002 machten wir auf der Durchreise nach Frankreich kurz eine Rast dort. Donnerstags morgens war da nichts los. Keine Menschenseele ließ sich sehen. Alle Gebäude machen einen äußerst gepflegten Eindruck, aber "los war da nichts". Am wichtigsten war, daß eine massive Gittertüre den Zugang zur Grotte versperrte. Vor Jahren war das überhaupt kein Problem, vorbei an den Häusern, einfach hinein in die Grotte.
Fortschritt > Verbesserung > Zukunft? Eher eine für unsere Zeiten leider typische Verbürokratisierung allen Geschehens, eine Verschlimmbesserung, in dem man geordnete Öffnungszeiten einführt, in denen man die besagte Örtlichkeit dann tatsächlich besuchen könnte. Schade. Denn, wenn da wirklich was dran ist, richten sich denn die Naturphänomene nach unseren menschlichen Gepflogenheiten? Lächerlich. Die sind einfach da, wenn sie da sind. Für alle. Im Guten und im Schlechten. Auch ohne Gralshüter, Priester, Präsidenten, Kartenabzwicker. Warum läßt man die Natur nicht einfach zugänglich für jeden?

Wir spazierten jedenfalls den Hang hinauf zu ein paar Obstbäumen, versuchten ein paar Kirschen zu ergattern, die noch am Zweig und noch nicht verfault in der Wiese lagen, warfen einen Blick hinüber auf den Felspfeiler mit der Grottenöffnung und fuhren dann weiter. Spontaneität ist in unseren Zeiten immer weniger möglich.

Wie der Blick in die aktuelle (August 2002) Linkliste im Internet zeigt, die sich vollkommen von der unterscheidet, die ich vor ein paar Jahren auf dem Bildschirm gesehen habe, wird heute nicht mehr feste Stoff aus der Höhle vermarktet, sondern das "levitierte Wasser", das unterhalb in Quellen zu Tage tritt. Und man hat die Emma-Kunz-Grotte inzwischen so einen Esoterikverbund eingeschlossen, "magic places", wobei man auch wieder das Thema Labyrinth und Grotten (Arlesheim) wiederfindet.

Im Kunsthaus Zürich gab es mal eine Ausstellung zu dieser Frau und diesem Thema, aber der ist den Weg alles Irdischen schon ziemlich zeitgemäß gegangen. Es gibt ihn inzwischen nicht mehr, leider, auch weil er sehr inhaltsreich war. So etwas ist besonders gefährdet. Wenig Schein, viel Sein. Paßt nicht in unsere Zeit so recht.

2008 war ich wieder einmal da, aber alles war ganz einfach zu. Falscher Moment in unserer über und über geordneten Zeit - kaum mehr Raum für spontane Ereignisse, obwohl gerade da ja das "Glück" hervorblitzt! Die Verwaltung erschlägt einfach mehr oder weniger das "Leben", auch in der Schweiz. Schade, die könnten sich doch bei all ihrem Reichtum ein paar spontane Luxusschlenkerer doch bestens leisten. Hinkommen, hingehen, hingeben. Und wieder gehen. Nicht bleiben, Nomaden wissen um so etwas, der glatte Gegensatz zum Nesthocker.

Literatur:

Kain, Martin Die Emma-Kunz-Grotte, Reflektor 1-1986, S. 14ff.
Meier, Anton C. Emma Kunz 1892 - 1963. Forscherin, Naturheilpraktikerin, Künstlerin. Hrsg. vom Emma Kunz Zentrum, Würenlos, 1994
Szeemann, H. & Widmer, H. Emma Kunz. Triesenberg: Art Selections International,1975
Szeemann, Harald und Widmer, Heini (Texte) Emma Kunz. Metagraphische Einführung von Roberto Altmann. Vaduz, Centrum für Kunst, 12. Dezember 1975 bis 11. Januar 1976
ohne Verfasserangabe Kunz, Emma. oh! cet echo!. 1992
"Ausstellungskatalog Centre Culturel Suisse, Paris; die Ausstellung vereingte Werke von 45 Künstlern mit Bezug zu Emma Kunz"
ohne Verfasserangabe Emma Kunz: Forscherin - Naturheilpraktikerin - Künstlerin. Leben und Werk.Verlag.Aarau/Schweiz. 1993
ohne Verfasserangabe Mediumistische Kunst -: Die automatische Botschaft. Katalog anläßlich der ersten internationalen Ausstellung "Mediumistische Kunst" Petersen Galerie, Berlin 1977. Konzeption der Ausstellung und des Katalogs Jens Petersen und Mechthild Rausch. Berlin, Petersen Press 1977.

Link:

http://www.wuerenlos.ch

http://www.magic-places.ch/emmakunz.htm

Magic Places of Switzerland / Emma-Kunz Grotte (Aargau)

 

Arbeitsgemeinschaft Höhle-Religon-Psyche

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