Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Gräserhöhle bei Arcegno

Tessin, CH


"Kleine Versturzhöhle bei Arcegno, Tessin, CH, die von Gusto Gräser um 1920 bewohnt wurde und in der er von Hermann Hesse besucht wurde" / "Höhepunkt seines Wirkens wurde das „Sonnenfest“ vom August 1917, dessen mitternächtlicher Teil vor der Felsgrotte Gusto Gräsers zelebriert wurde. Mitwirkende oder Zuschauer waren die dadaistischen Künstler Marcel Janco, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Hugo Ball." WIKIPEDIA / Gräser

Eine kleine Internetrecherche im Mai 2018 erbrachte gerade diese beiden kurzen Hinweise auf die Höhle. In drei Druckwerken fand ich weitere kurze Hinweise. Viel war es also nicht, und vor allem nichts wirklich Präzises, was wir dabei hatten, als wir uns im Juni 2018 auf die Suche nach der Gräserhöhle machten. 

Ascona war bald erreicht, ein kurzer Spaziergang an der Strandpromenade und ein Besuch der Krypta von San Vittore lagen schon hinter uns, ehe wir uns aufmachten, hinauf nach Arecegno zu fahren. Dann hatten wir die Angabe: "..auf der Via Pestalozzi..fahren, im Wald auf einem kleine Parkplatz auf der rechten Seite, Nähe Campo Pestalozzi parken, von hier führt der Weg etwa 50 m die Strasse weiter und den Berghang etwa 30 m links hinauf.." Vielleicht klingt das für manchen ganz einfach, aber wir verbrachten 3 Stunden damit, zu entschlüsseln, was da gemeint war. Da gab es nämlich noch viel mehr, eine Wiese zum Beispiel auf der eine Kindergartengruppe spielte, betreut von 2 Kindergärtnerinnen, die nur italienisch sprachen und von einer Höhle dort noch nie gehört hatten. Dann war da eine Schulklasse beim Klettern an den Felsen, auch von denen hatte keiner eine Ahnung. An einem kleinen Stausee trafen wir einen Einheimischen, der sogar deutsch sprach und schon einmal in der Höhle gewesen war. Er gab uns eine Lagebeschreibung, der wir folgten und eine Stunde später einsahen, daß da Grundsätzliches nicht stimmen konnte. Wir hatten zwei Hügelgipfel erklommen, eine Prachtaussicht genossen, ich war den Wanderweg weit wieder hinab ins Tal gestiegen, aber nirgends tat sich auch nur eine winzige Felsspalte auf. Wir waren schon am Aufgeben, fuhren noch mit dem Auto in Richtung Golino, aber nirgends sprach etwas dafür, daß es da eine Höhle gäbe. Mit einem Radlerpaar aus Deutschland, die die Region früher schon erkundet hatten, unterhielten wir uns länger, recherchierten ausführlich im Internet, aber fanden nichts.
Einen letzten Versuch starteten wir noch, kehrten zurück zu unserem alten Parkplatz, gingen kurz der Straße entlang, kurz nach links oben und schon war er da, der gesuchte Höhleneingang in der Flanke des Ruinohügels. Einen expliziten Hinweis darauf wird man am Weg vergeblich suchen, wohl aus guten Gründen, um zu viel Rummel zu vermeiden.

In den Texten steht immer wieder etwas von einer "Felsspalte". Eine Spalte entsteht, wenn man, etwa beim Holzhacken, mit einem Beil in den Holzkörper haut und hernach ein längliche Teilung entsteht, deren Seiten perfekt aufeinander passen. Das Wort paßt überhaupt nicht zur Eingangsform der "Gräserhöhle". Er entspricht eher einer Mundöffnung oder einem Walfischmaul, das sich so auftut, als würde man gleich darin verschwinden. Es schließt sich ein klassisch schöner Raum dahinter an mit flachem Boden und einer Deckenwölbung darüber, die viel Raum nach oben bietet, so daß man normalerweise sich nie bücken müßte. An den Wänden haben irgendwelche Kritzler Spuren hinterlassen, die aber sicherlich kein hohes Alter erreichen werden, dafür sorgt schon die Natur selber. 
Bemerkenswerterweise hat diese Versturzhöhle, die sich ja nur gebildet hat, weil sich ein riesiger Felsblock auf anderen Felsbrocken darunter aufgelagert hat, nach hinten zu sogar nochj eine Fortsetzung. Dazu muß man sich knieenderweise in einen niedrigen Gang hineinbewegen, die Knie in den gefüllten Pfützen am Bodne. Danach weitet sich der Hohlraum wieder zu einer Felskammer.

Anthropospeläologisch ist die Höhle bedeutsam, weil dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gusto Gräser, einer der Mitbegründer der "Vegetabilischen Kooperative Monte Veritá", dort für einige Zeit gehaust haben soll. Und es heißt, daß ihn Hermann Hesse dort 1907 besucht haben soll. Dieser Besuch blieb nicht ohne Folge, denn in verschiedenen Werken Hesses kommt das Motiv der Höhle später immer wieder vor, Ganz stark bezieht er sich darauf in "seiner protokollartigen Niederschrift 'In den Felsen. Aus den Notizen eines 'Naturmenschen'". In den "Legenden aus der Thebais" geht es ja auch um Höhlen, allerdings künstliche, die von Eremiten benutzt wurden. Manche sehen auch noch Spuren im "Glasperlenspiel", im "Demian" und im "Siddharta".

 

     

Literatur zur Höhle:

Andretti, Claudio Orte der Kraft im Tessin, München 2015
Deutsches Monte Verita Archiv Der Eremit von Ascona - Hermann Hesse in Wald, Fels und Höhle, Freudenstein 1998
Hesse, Hermann In den Felsen, Notizen eines Naturmenschen 1907, in: Hermann Hesse, Sämtliche Werke 1 - Autographische Schriften I, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003
Meier, Pirmin Schweiz - Geheimnisvolle Welt im Schatten der Alpen, Goldmann, München 1993

Litertur zum Monte Veritá:

Girgis, Samir Jakob und der Berg der Wahrheit, Schardt-Verlag, Oldenburg, 1. Auflage, 2005
Green, Martin Mountain of Truth, Tufts University, University Press of New England, Hanover and London, 1986
Landmann, Robert Ascona Monte Verità, Ullstein-Verlag, Frankfurt a.M, 1979
Museum Villa Stuck Monte Verità - Berg der Wahrheit, München, 1980
Voswinckel, Ulrike Freie Liebe und Anarchie, edition monacensia, Allitera Verlag, München 2009

Links:

http://bergliteratur.ch/gusto-grasers-hohle/

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.gusto-graesers-vermaechtnis-alte-hippies.b6b8e002-73ba-4cb0-a322-54a553f15f25.html

http://www.ticinarte.ch/index.php/arcegno.html

https://www.youtube.com/watch?v=VBydfOaxvJg

 

Speläologisches im Tessin, CH

 


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