Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die unterirdische Kirche von Raron, Wallis, Schweiz


Felsenkirchen sind eine Rarität auf diesem Planeten. Berühmte Beispiele dafür gibt es in Kappadokien, in Labela/Äthiopien, in Kiew/Ukraine, die alle zu UNESCO-Weltkulturerbestätten erklärt worden sind. Andere Beispiele dafür gibt es im Südwesten Russlands, z.B. bei Divnogorje, die es noch nicht zu diesem Status gebracht haben. Gemeint sind keine Kirchenräume, die in Naturhöhlen hineingebaut wurden, sondern wo der Mensch sich in die Felsen hineingegraben hat, um einen Kultraum zu schaffen, um eine Art "Künstlicher Höhle" also.

In Raron im Rhônetal in der Schweiz, ein Ort, der weltberühmt geworden ist, weil dort das Grab von Rainer-Maria Rilke ist, gibt einen ganz besonderen Hohlraum, der zu dieser Kategorie gehört. Warum haben sich Menschen die Mühe gemacht, so ein großes Loch in den Berg zu schlagen. Wir Menschen fragen uns ja zuerst immer gerne, welchem Zweck so ein Handeln denn wohl dienen könnte. Ohne Zweck kein Handeln. Das ist die Standardphilosophie. Es gibt zwar genügend Beispiele, die einen daran zweifeln lassen, daß man alles und jedes auf dieser Welt mit dem Zweckrationalismus, der heute ja dominant in der Philosophie ist, auch wirklich "erklären" kann, aber es sollte natürlich auch nicht verboten sein, "vernünftige" Gründe zu suchen (vgl. etwa: Vasek, Thomas, Die dunkle Seite der Philosophie, HOHE LUFT 2/2016, S. 10f.). 

Ich habe mich im Juli 2017 im Internet umgeschaut, was man zu dieser Frage finden konnte. Ist es Zufall, daß ausgerechnet die Webseite der Pfarrei Raron unter dem Stichwort "Felsenkirche", so wird das Bauwerk dort bezeichnet, von ganz etwas anderem handelt? Hier erfährt man überhaupt nichts, was dieser künstlichen Hohlraum im Gestein betrifft. Andere Webseiten erzählen davon, daß den Bewohnern des Ortes der Aufstieg zur Kirche auf dem Felsen zu beschwerlich geworden war und daß die Kirchgänger insbesondere im Winter lieber in die Gotteshäuser der Umgebung strebten, die leichter erreichbar waren. Man habe nach einem Platz für eine neue Kirche gesucht und sich nicht einigen können. Da habe der damalige Pfarrer Arnold gesagt, daß man keinen Platz auf der Erde finde, dann gehe man in den Burgfelsen.

In dem Bauunternehmer Jules Theler fand sich ein von dieser Idee Begeisteter, der dann das Projekt vorwärts trieb. 6.000 Kubikmeter Fels wurden herausgesprengt, 140 Felsanker gesetzt, 2.000 Quadratmeter Wände armiert und "gounitiert", was auch immer das ist. Die Baukosten lagen bei 2 Millionen Franken.

Nun gibt es einen Kirchenraum mit 500 Sitzplätzen, der sich zur Mitte vorne absenkt. Man fühlt sich mehr in ein antikes Theater versetzt, wo normlerweise vorne die Bühne ist, hier die Kanzel, dahinter ein farbiges Glasbild und daneben die Orgel ist. Darüber wölbt sich die die Spritzbetondecke, die noch die ursprünglichen Klüftungen und Spalten nachformt, wodurch ein Moment der Eingebettetheit in die nicht vollkommen vom Menschen umgeformte Natur zum Vorschein kommt.

An den Hauptraum schließt sich an einer Seite ein kleiner Seitenraum an, der intimeren Charakter hat und der recht beliebt sein soll bei Menschen, die sich etwas von der Welt zurückziehen wollen.

Im Hauptraum ist eine gute Akustik, die für die kirchlichen Zwecke sicherlich genutzt wird. Kommt man als Besucher in die künstliche Höhlung im Fels, dann hebt Musik an, wir waren uns nicht sicher, wer der Komponist war, Michael Haydn oder W.A. Mozart? Jedenfalls passte sie sehr gut hierher, verführte dazu, sich hinzusetzen und einfach nur zu lauschen, zu schauen, zur Ruhe zu kommen.

 

     
     

Literatur:

Stinn, Kornelia Raron, Rilke und der Zug der Zeit, in: Bayerisches Sonntagsblatt, Liborius Reise Dienst 2006, S. 14f.

Links:

http://www.brig-wallis.com/felsenkirche-raron.html

https://www.myswissalps.ch/story/489

http://www.raron-niedergesteln.ch/region-orte/raron/sehenswertes/felsenkirche-michaelskirche/

https://www.pfarreiraron.ch/pfarrei/felsenkirche/

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