Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Das Hölloch im Mahdtal, Allgäu, D


Quergang 2005


Ein Kaplan war der erste Mensch, der das Hölloch im Mahdtal befahren hat. So ist jedenfalls unser heutiger Kenntnisstand. Der Kaplan steht unter dem Pfarrer. Weshalb ging also er hinunter und nicht der örtliche Kirchenobere? War der zu feig? Wollte der Junge beweisen, daß er noch mehr drauf hat, als der Alte? Es heißt jedenfalls, daß er am Kirchenseil hinuntergelassen wurde. 1906 schrieb man. An wie vielen Kirchenseilen? 75 Meter beträgt der Vertikalabstand von der Schachtkante bis zum Grund. Das sind eigentlich viele Kirchenseile. So genau scheinen die Aufzeichnungen nicht zu sein. Jedenfalls war der Kaplan ein fähiger Mann, der brachte sofort einen Plan aus dem Schacht mit, der zeigt, daß er bis zu den äußersten Grenze vorgestoßen ist, die "normalbemittelten" Menschen überhaupt zugänglich sind. Weiter ging es wirklich nur noch mittels Tauchtechnik.

Bekannt war die Öffnung schon länger. Schon Gümbel weist 1861 darauf hin: "Kleinere Karrenfelder fehlen nirgendwo im Schrattenkalke. Ein solches findet sich in dem merkwürdigen Höllbache an der Mahderalpe, in dessen schachtartigen, tiefen Schlund sich die benachbarten Gewässer versenken und gesammelt aus dem unterirdischen Behälter als sofort einen Bach bildende Quelle ober der Sägemühle von Litzenschwand mit einer auffallend niederen Temperatur von 4,5° R. hervorbrechen." (Gümbel 542)

99 Jahre wird jetzt schon im Hölloch geforscht. Die großen Erfolge wurden erst in den letzten Jahren erzielt, als eine neue Generation hochleistungsfähiger Kletterer, die sich das Höhlentauchen inzwischen angeeignet haben und die im Höhlenverein Sonthofen organisiert sind, dort hingebungsvoll und leidenschaftlich einstiegen. Wer mehr darüber erfahren will, sollte sich auf ihrer gut gestalteten Homepage umsehen.

Vom 1. bis zum 3. Juli 2005 fand im Mahdtalhaus der 12. höhlenkundliche Workshop des Vereins für Höhlenkunde in München (VHM) statt. Das ist in Sichtweite des Höllochs. So war es klar, daß, soweit es die Wetterverhältnisse zulassen würden, eine Befahrung dieser bislang wichtigsten Höhle des ganzen Gebietes stattfinden würde. Ich habe da mitgemacht - und so seht Ihr hier meine Bilder. Das Tragseil ist nicht gerissen - glücklicherweise ist hier nicht passiert, was man in der lingua franca dieser Welt als "shit happens" bezeichnet. Ich finde das nicht selbstverständlich. Die Betreuungsmannschaft für diese Tour vom Sonthofener Höhlenverein, insbesondere "Mane" und "Hans", die auf eine eigene Tour hinunter verzichteten, um alle anderen gut hinunter und hinauf zu bringen, leisteten eine hervorragende Arbeit. Das ist auch notwendig, denn schon kleinste Fehler könnten übel ausgehen.

Die Befahrungstechnik ist ja heute perfektioniert, alles war da und am Platz. Abgeseilt wurde mittels Rackbremse, heraufkamen wir mit einer Motorwinde, die verblüffend einfach funktioniert. Es konnte nur mal passieren, daß das Benzin ausging, dann mußte schnell was nachgegossen werden. Das ist an sich nicht schlimm, aber wenn man gerade am Seil hängt und das mitten in einer kalten Wasserfalldusche, dann ist die Grenze der Erträglichkeit schnell erreicht, obwohl das halt auch ein möglicher Preis für den Wunsch ist, selber mal in diese Erdloch hineinzuschauen.

Wer hinunter wollte, der mußte das in voller SRT-Ausrüstung tun, damit man im Störfall eventuell mit eigener Kraft hätte noch aus dem Schacht kommen können. Außerdem war empfohlen einen Neoprenanzug unter dem Schlaz zu tragen wegen des Wassers, sowohl im Schacht als auch in der Höhle, wenn man bachwärts zum Unteren Höllochsee wollte. Außerdem wurden wir instruiert, uns im unteren Teil des Schachts rechts in einen Führungsseil mit einer Seilschlinge einzuklinken, damit wir direkt auf die einige Meter über dem Bach sich befindende Standplattform ankommen konnten.

Als ich als einer der letzten Teilnehmer mich ins Tragseil mit zwei Karabinern eingeklickt hatte, da war mir erst schon ein bißchen flau im Magen. Aber Mane strömte soviel Sicherheit aus, da konnte nicht viel schiefgehen. Da hing ich nun an der Schnur und schaute erstmal lieber nicht in die Tiefe. Es ging rasant nach unten. Die Schachtwände sausten geradezu vorbei an mir, was auch einen Vorteil hatte. Denn von oben kam ein kräftiger Bach herunter, der wie eine Dusche auf mich herabprasselte. Sobald zum ersten Male die Wand erreicht wurde, hieß es mich immer wieder von der Wand abzustoßen, um nicht an ihr mit meiner Frontseite entlangzuschleifen. Das war wie vertikales Spazierengehen. Zum Orientieren war keine Zeit, das Wasser tobte auf mir, unter mir, alles ging rasend schnell. Auf einmal war ich unten - bis zum Bauch mitten im Höllochbach. Ich hatte das Quergangsseil viel zu spät erst realisiert. So war ich jetzt so naß, nässer gings praktisch nicht mehr. Ich krallte mir das Halteseil, das zur Plattform hochführte und zog mich hinauf. Jetzt war ich auch da. Ungefähr 15 Leute waren jetzt in der Höhle, deshalb wurlte es jetzt an allen Ecken. Wegen des hohen Wasserstandes hieß es, daß nur das Biwak besucht werden sollte, später machten die Neoprenbewehrten aber doch noch einen Abstecher bachabwärts. Mir reichte der kurze Ausflug bis zu dem auf einem Topstand sich befindenden Biwakzelt. Alles ist mit Seilen versichert, die der notwendigen Akrobatik eine gewisse Sicherheit verliehen. Die Atmosphäre am Oberen Höllochsee hatte was infernalisches. Die Kommunikation war wegen des gischtenden Wassers aus dem herunterdonnernden Wasserfall nur erschwert möglich. Mit einem gewagten Schritt aufs andere Ufer überquerten wir den Bach. Bei Hochwassereinbrüchen ist ein solches Manöver nicht mehr möglich. Dann müßte man sich an dem hoch oben quergespannten Seil auf die andere Seite bewegen. Wasserstandsmessungen haben gezeigt, daß binnen weniger Minuten der Wasserspiegel um fast 5 Meter steigen kann! Dann ist hier die Hölle los! Auf der anderen Seite klettert man ein paar Meter hoch und kriecht dann in einen niedrigen, fast runden Tunnel. Dann kann man zumindest wieder stehen, eh es noch mal niedriger wird und man sich weiterwuzeln darf. Ein kurzer Quergang ist zu meistern. Dann steht man an einer Aluleiter, die den bequemen Zugang zu einer großen Plattform ermöglicht, auf der das Biwakzelt steht. Es ist aus gelben Plastikplanen gebaut, die über gespannte Seile gelegt wurden. Innen stehen jede Menge Plastiktonnen, in denen die f´ür die Forschung notwendigen Utensilien aufbewahrt werden. Eine davon ist voller Bierdosen! Jedem, der das Biwak erreichte, wurde eine angeboten, 2 davon gingen wieder hinauf zur Außenmannschaft (Mane und Hans), damit sie durchhielten. Mit überraschenden Utensilien wird hier aufgewartet: ein Papierkorb, eine goldene Papierkrone, ein Witzblatt aus einem Zeitungsmagazin usw.. Über dem Biwak schweben zwei seltsame Gebilde: hier hat man an Reifen die Tauchanzüge befestigt und sie hochwassersicher in die Höhe gezogen.

Mich fror und wollte so schnell als möglich wieder raus. Ein Einzelner wurde erst mal hochgezogen, dann kam unser Schweizer Betreuer auf die Idee, doch zwei Leute auf einmal ins Seil zu binden und hochzuschicken. Erst schaute ich etwas, aber es funktionierte dann doch ganz gut und wurde zum Modell für alle anderen. Der Aufstieg verlief viel ruhiger. Langsam und beständig arbeitete die Motorwinde oben und hievte uns allmählich aus dem röhrenförmigen Schacht. Mir kam der Gedanke, daß das etwas mit einer Höllenreise zu tun hätte. Und das Seil kam mir wie eine Nabelschnur vor, mit der wir aus dem Bauch von Mutter Erde wieder mal geboren wurden, vollkommen hilflos im Grunde, sich 100%ig auf die Funktionstüchtigkeit des Materials verlassen müssend.

 


 

 
An diesem Seil hingen unsere Leben

Der Höllochbach

Typische Höllochfotos sind neblig
Leiteraufstieg kurz vor dem Biwak
Im Biwakzelt

Die hochwassersicher verstaute
Tauchausrüstung oberhalb des Biwaks
Die Rolle für das Rückholseil am Fuß des
75-m-Schachts
Auf dem Weg zum Unteren Höllochsee

Die Aufseilmaschine

Die Rücklaufsicherung mittels Yümar
Nachfüllen des Treibstoffs für den Motor
mittels Flaschenhals und Kanister
Wieder da!

"lochstein.de" ist auch wieder oben -
vollkommen durchnäßt von oben bis unten

 

Atmosphärisches

 

Literatur:

Gümbel, C.W. Geognostische Beschreibung des bayerischen Alpengebirges und seines Vorlandes, hrsg. v. k. bayerischen Staatsministerium der Finanzen, Gotha 1861
Schmidt-Thomé, P. (Redaktion) Das Hölloch bei Riezlern im Kleinen Walsertal - eine karstkundliche Monographie, Wissenschaftliche Alpenvereinshefte Heft 18, Innsbruck 1961
Wolf, A. Vom Höllochschacht zum Plattenalmschacht, DER SCHLAZ 106 107, 2005, S. 37ff.
Wolf, Andreas Neuigkeiten aus dem Hölloch-Höhlensystem im Mahdtal, DER SCHLAZ 116, 2010, S. 41ff.
Wolf, Andreas Neuigkeiten aus dem Hölloch im Mahdtal - Bericht zum Forschungsjahr 2004/2005, DER SCHLAZ 105 - 2005, S. 6
Wolf, Andreas Eine Woche Dunkelheit, in: PANORAMA - Mitteilungen des Deutschen Alpenvereins, August 2005, S. 56f.

Links:

http://www.hoelloch.de/
Gottesackerplateau
Höhlenkundlicher Workshop des VHM im Mahdtalhaus
Vorarlberger Walservereinigung - Artikel
Hoehlen

AV-JB-2010-umbruch.qxd - BERG_2010-Hoelloch-S_112-119.pdf
Landschaft und Höhlen im Allgäu
Landschaft und Höhlen der Bayerischen Alpen


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