Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Das Blauhöhlensystem, Schwäbische Alb


Dezember 2011


Mit Stand Mai 2013 weist die Liste der längsten Höhlen Deutschlands, veröffentlicht auf der Verbandswebseite, 8,7km als neueste Gesamtganglänge für das "Blauhöhlensystem" aus, im  Februar waren das mal 7,5 km. Eine uralte Erfahrung ist das von Menschen, die sich mit solchen Sachverhalten schon länger beschäftigt haben. Manchmal ist es Faulheit, Dummheit, Blödheit - manchmal aber auch Absicht, Verwegenheit oder sonst etwas. Eine andere "Quelle" herangezogen - und schon heißt es da schon seit längeren: 10.015 m!  Eine Qualität des Internets ist es, daß ein wenig wenigstens manche Inkonsistenzen eher zu Tage treten. Wobei manche ja sehr gewollt sind!

Liest die faszinierenden Berichte der Forscher, die hier ein neues Dorado aufgetan haben, ist das eigentlich erst der Anfang. Allerdings ist der Kreis sehr begrenzt. Und was ist eigentlich mit all den anderen Menschen, die momentan auch noch leben, die oft auch diesen Teil unserer Welt gerne betreten, sehen, auch photographieren möchten! Die sind ausgeschlossen!  Eine neue Form der Aristokratie! Wann kommt da die ".... Revolution?" Woraus leitet man da seine "Privilegien" ab?

Der Haupteingang in das Höhlensystem war immer schon dem Menschen bekannt, der Blautopf. Er ist wie alle anderen "Blauen Töpfe", die woanders halt "Blue Spring", "Source Bleu", Pozzo Azul oder ähnlich heißen, nicht zu übersehen. Unvermittelt tritt aus dem Berg viel Wasser aus und strömt als Bach bzw. Fluß dann durch die ansonsten oft nur sehr trockene Landschaft.

Source Bleue im Oberen Doubstal, F          

Pozo Azul, Provinz Burgos, Spanien

Die Blau bei Blaubeuren entspringt in 521 m Meereshöhe. Ihre Länge beträgt gerade mal 10,2 km und sie fließt bei Ulm in die Donau. Ihr Ursprung ist eben der Blautopf. Lange Zeit wurde gerätselt, woher denn die blaue Farbe käme und es wurde sogar schon gesagt, irgendjemand würde jeden Tag ein Fass voller Tinte hineinschütten. Heute wird das viel nüchterner in einem Informationsblatt dem Besucher erklärt: Das reine Blau sei bedingt durch die blaue Eigenfarbe des Wassers (Bunsen 1847), die gerade hier infolge der großen Tiefe und Klarheit des Wassers (Sichttiefe 20 m) in Erscheinung treten könne. Die einfallenden Sonnenstrahlen würden bis auf die blauen Strahlen nahezu völlig verschluckt. Nach Regen verliert sich diese Farbe, sie geht dann ins Hellblaue, Grüne und dann ins Gelbbraun über.

Früher diente es sogar der Wasserversorgung von Blaubeueren, aber seit 1958 hat man das eingestellt. Zuvor hatte schon ein unbewollter Markierungsversuch u.a. stattgefunden. Man hatte nämlich viel Fruchtsaft aus Bühlenhausen im Trinkwasser gehabt, den man eigentlich gar nicht gewollt hatte. (ARGE Blaukarst, Hessenhaushöhle 17)

November 2018
 


Aus einem Einzugsgebiet von rund 160 qkm tritt in einer Flußschlinge der Urdonau hier das Wasser wieder zu Tage. Als Minimal- bzw. Maximalwerte der Schüttung werden 310 l/s und 32.000 l/s angegeben. Im Mittel sind es 2.3000 l/s. Die Temperatur in der Tiefe beträgt 9,4° Celsius.

Unterhalb des Wasserspiegels liegt der 20,6 m tiefe Quelltrichter. Hangseits stehen Jurakalke an, im Süden und Norden besteht der Rand aus bis zu 35 m mächtigen Flußablagerungen. Lange Zeit war ziemlich unklar, was sich tatsächlich in der Tiefe abspielte. Es wurden allerhand Geschichten darum erfunden und weitererzählt. In der Mitte des kleinen Sees befände sich etwa ein kristallenes Schloß der Seegeister. Es gäbe sowohl männliche wie weibliche, die ab und zu an Land gehen würden, um unter den Menschen einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Würden die Gefühle erwidert, so würden beide zusammen in den Blautopf zurückkehren, ohne je wieder an die Oberfläche zurückzukommen. 1641 wird berichtet, wäre man aus dem Kloster hinüber zum Blautopf gezogen und hätte zwei vergoldete Becher "für die Dämonen im Blautopf" geopfert, um zu verhindern, daß das Kloster überflutet würde. Inspirierten solche Geschichten Eduard Mörike zur "Historie von der schönen Lau", die 1853 erstmals als Teil des "Stuttgarter Hutzelmännleins" erschien? Die Geschichte selber ist frei erfunden von Mörike. Die Nixe sei von ihrem Mann, dem Wasserkönig aus dem Schwarzen Meer, in den Blautopf verbannt worden, weil sie nur tote Kinder zur Welt bringen könne. Der Bannspruch könne erst gebrochen werden, nachdem sie dreimal gelacht hätte, andere sprechen von fünfmal. Die Wirtin vom Nonnenhof und andere Helfer, z.B. ihr Sohn vollbrachten das Kunststück, in dem er die Wasserfrau einfach aus Lust an der Freud küßte, als sich einfach ein Gelegenheit dazu ergab, und sie wurde mit einem Topf voller Geld und "fünf Glückstage auf hundert Jahre" dafür belohnt.

Buchillustration von Moritz von Schwind


Auszug aus der Erläuterung des Blautopf-Begriffs durch Mörike: "Die dunkle, vollkommen blaue Farbe der Quelle, ihre verborgene Tiefe und die wilde Natur der ganzen Umgebung verleihen ihr ein feierliches, geheimnisvolles  Ansehn. Kein Wunder, wenn sie in alten Zeiten als heilige betrachtet wurde und wenn das Volk noch jetzt mit abenteuerlichen Vorstellungen davon sich trägt."


Für solche Geschichten haben viele Leute heute nicht mehr viel übrig. Sie wollen hard facts und wird von einer ersten erfolgreichen Tiefenmessung im Quelltrichter durch den Prälaten Weissensee schon im Jahre 1718 berichtet (bereits im 16. Jahrhundert hätten erfolglose stattgefunden). 1880 versuchte der erste Helmtaucher den Grund des Blautopfs zu erreichen. Erst 1957 wurde dieses Ziel dann tatsächlich erreicht. In den 50er Jahren versuchte der Münchner Physiker und Sporttaucher Dr. Wellenstein ohne Tauchgerät und Tauchanzug, nur mit Maske und Flossen, auf den Grund des Blautopfs hinabzutauchen. Er kam immerhin 15 m hinunter. 1957 schafften es zwei andere Münchner Taucher tatsächlich. 1960-62 wird die Höhle durch die Höhlenforschergruppe Göppingen-Eschenbach unter Leitung von Manfred Keller erstmals mit Pressluftgeräten und Neoprenanzügen erforscht. Hobbytaucher "entdeckten" in der Folgezeit den Blautopf als lohnendes Tauchobjekt, was für einige von ihnen aber tödlich endete. Die Gemeinde sah sich deshalb veranlaßt, ab 1966 ein generelles Tauchverbot mit Ausnahmeregelungen zu erlassen. 1985 gelang es dann Jochen Hasenmayer (er tauchte seit 1961 schon dort) nach einer Tauchstrecke von 1.250 m im Mörikedom aufzutauchen und das Ende des Unterwasserteils zu erreichen. Nach einem Tauchunfall schwer gehandikapt, baut sich Hasenmayer ein Mini-U-Boot und kann damit weiterhin Vorstöße unternehmen. Er erregt großes publizistisches Aufsehen damit, weil der die These vertritt, daß sich unter der Schwäbischen Alb ein riesiges Flußhöhlensystem mit Heißwasser befände: "Mit der Energie des Thermalwassers könnte man die Häuser von 30 Millionen Menschen tausend Jahre lang beheizen", womit man die Energieprobleme in Süddeutschland lösen könne, hieß es noch  in der Süddeutschen Zeitung vom 27. Februar 1996.

1997 begann eine neue Zeit mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Blautopf. Nun wurde die Höhle richtig vermessen und immer weiter vorgestoßen. 2005 wird erstmals eine trockene Fortsetzung der Höhle am Ende des Äonendoms entdeckt, 2006 finden Jochen Malmann und Andy Kücha die damals "Größte Halle Deutschlands", die Apokalypse mit 50 m Breite, 170 m Länge und 50 m Höhe. Außergewöhnliche Leistungen sind dafür von Nöten. Man führt z.B. unter Tage ein mehrtägiges Biwak durch, wozu alles unter Wasser in die Höhle gebracht werden muß. In einem Gang hört man auf einmal Fahrgeräusche von Autos und stellt fest, daß man gar nicht mehr weit zur Erdoberfläche hat. Hier gibt es inzwischen einen von oben her erbohrten Zuganng, so daß sich inzwischen die material- und kräfteaufwendigen Anmärsche sehr reduziert haben.

Schon lange war vermutet worden, daß es weitere Eingänge in das Höhlensystem geben könne. Im Galgentäle war eine erste verdächtige Stelle, eine dolinenartige Eintiefung, die an der Nordseite durch eine Felswand abgeschlossen war und aus der im Sommer merklich kühler Wind strich. 450 m Luftlinie waren es bis zum Blautopf und man war rund 50-70 m darüber. 1954 bis 1958 unternahm Karl Vetter aus Blaubeuren erste ergebnislose Grabversuche. 1963 wurde der Versuch wieder aufgenommen, durch Grabungen tiefer in den Berg zu kommen, gab dann aber auch wieder dieses Unternehmen auf. Durch die Erfolge in der Blauhöhle angespornt begann eine Gruppe aktiver Höhlenforscher 2002 erneut mit der fachmännischen Ausgrabung der Vetterhöhle. Darüber gibt es einen ausführlichen Bericht im Internet. Im September 2006 kam es zum großen Erfolg: Jochen Malmann und Werner Gieswein fanden die Verbindung zwischen Vetterhöhle und Blautopfhöhle.
Die Forschung geht weiter. 590 Dolinen sind inzwischen im Dolinenkataster oberhalb des Blautopfeinzugsgebiets registriert. Auf Grund verschiedener Überlegungen sind es wohl in Wirklichkeit 2.000. Viele von ihnen sind jedoch heute verschüttet, weil die Landwirte inzwischen viele zugeschüttet haben, um einfacher wirtschaften zu können. Zwei von ihnen haben sich als besonders speläologisch ergiebig erwiesen, die Seligengrundhöhle bei Seißen und die Hessenhauhöhle. Beide waren durch ihre heftige Wetterführung aufgefallen.

Vom Fortgang der Forschung berichten die höhlenforschenden Vereinigungen regelmäßig in der Öffentlichkeit, auf Veranstaltungen und im Internet, so daß man laufend das Geschehen verfolgen kann.

Die Entdeckungen bringen einen ziemlich natürlichen Gedanken mit sich: Kann vielleicht eines Tages auch die breite Öffentlichkeit die unterirdischen Schönheiten sehen, sprich, kann man nicht eine Schauhöhle eines Tages daraus machen? Erste Überlegungen sind bereits entwickelt worden und eine Erschließung scheint möglich und wird angestrebt. Mit einem Schlag wäre Blaubeuren um einen Touristenmagneten allererster Güte reicher.

Eine Bohrung ist inzwischen erfolgreich abgeschlossen und nun können die Forschungen in den hinteren Teilen vorgenommen werden, ohne daß der Eingangssiphon noch durchtaucht werden muß.

 


Bilder von der Vetterhöhlengrabung:

 
Zwei Männer, mit einem Seil verbunden,
die auf Kommando rückwärts bzw. vorwärts laufen
- das ist auch echte Höhlenforschung
 
   
 
 
Blick in den ausgezimmerten 13 m-Schacht,

darunter ging es noch einmal so weit hinunter

19. Dezember 2005

 
Eingang Dezember 2011

nach dem großen Durchbruch in die Blauhöhle

Noch ein Eingang mit Deckel - gebohrt  
Im Seligengrund
  Juli 2011

 

Im Hinterland

Bühlenhausener Hüle

Hüle: Teiche, entweder aus Dolinen entstanden oder künstlich
angelegt (auf der Schwäbischen Alb übliche Bezeichnung

 

Hessenhöfe/Hessenhau

 

In Blaubeuren

Das Kloster
November 2018

 

 

 

 

Literatur:

Albrecht, Rolf Höhlen, Felsen und Ruinen, Verlag E.+ S. Fleischmann, Esslingen 1980
Anon (o.J.) Blautopf und Blautal, Wissenswertes von, um und über eine Karstquelle, Faltblatt, Hrsg: Bürgermeisteramt Blaubeuren
Arbeitsgemeinschaft Blautopf Faszination Blautopf - Vorstoß in unbekannte Höhlenwelten, Thorbecke Verlag, 2009
Arbeitsgemeinschaft Blautopf Expediton Hessenhau, Berghülen 2014
Binder, Hans Höhlenführer Schwäbische Alb, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart und Aalen 1977
Boldt, Markus, Müller, Thilo, Schwekendiek, Kai Grabung in der Vetterhöhle bei Blaubeuren, Das muß tiefer! Das Jahresheft Grabenstetten 2002/2003, S. 45ff.
Drescher, Daniela, Mörike, Eduard Die Geschichte von der Schönen Lau, Urachhaus-Verlag, Stuttgart 2009
Frank, Helmut Verzeichnis der Höhlen im Alb-Donau-Kreis, Beiträge zur Höhlen- und Karstkunde in Südwestdeutschland, Heft 18, 1979, S. 3ff.
Hinderer, Eckhard, Kücha, Andreas Grabung und erste Erfolge in der Seligengrundhöhle bei Blaubeuren-Seißen, Jahresheft 2008, Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten, S. 45ff
Mörike, Eduard Das Stuttgarter Hutzelmännle, unter anderem: Reclam Verlag, Nr. 4755, erstmals erschienen: 1853
Mörike, Eduard Die Historie von der schönen Lau - Mit Illustrationen von Moritz von Schwind und einem Nachwort von Traude Dienel, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1974
Müller, Thilo Höhlen bei Blaubeuren, Teil 2: Höhlen im Bereich der Blaubeurer Talschleife, Mitteilungsblatt der Höhlenforschungsgruppe Blaustein, 6. Jahrgang, Heft 1, Trossingen 1983, S. 3ff.
Schopper, Michael Neuland im Blautopf, Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher, 52(4), München 2006, S. 132
Schopper, Michael, Boldt, Markus Verbindung zwischen Blautopf und Vetterhöhle ist hergestellt, Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher, 52(4), München 2006, S. 133
Striebel, Thomas, Eckenfels, Jürgen Forschungsaktivitäten der Arge Blautopf in der Blauhöhle 2011/2012, Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher 58(3), München 2012, S. 79-81
Striebel, Thomas Höhlen im Gebiet der Stadt Blaubeuren, Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten, Das Jahresheft 1995, S. 150ff.
Vogelsang, Dieter, Eckhard Villinger, Eva Borst Karst- und Flußsysteme am Rande der Schwäbischen Alb: elektromagnetische und hydrogeologische Erkundung des Donau-Aach-Karstsystems (Schwäbische Alb),
Der Schmiecher See bei Schelklingen, die Blautopfhöhle bei Blaubeuren als Beispiel für die Entwicklung des Karstsystems im schwäbischen Malm, Geologisches Jahrbuch Reihe C, Band C 49, 1987
Wieczorek, Udo, Mammel, Fritz Beschreibung und Plandarstellung der Vetterhöhle, Jahresheft 2008, Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten, S. 7ff.

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