Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Naxos / Kykladen / Griechenland


Terrassen bei Filoti / In der Spilia Zas


"Landschaften sagen immer viel über Politik und die Gesellschaft aus, die in ihr lebt. Wenn ich irgendwo Hänge anschaue, auf denen Terrassen angelegt wurden, bedeutet das, dass dort viele Leute gelebt haben, man viel Essen brauchte - man kann sich sofort eine Geschichte ausmalen...." Hannes Lang in em SZ-Interview "Wüste Alpen", Süddeutsche Zeitung 23./24. März 2013, Wochenende draussen V2/7

"Nichts ist flüchtiger als die Götter, sie wechseln ihre Wohnstätten und lassen Asche zurück, unter der wir noch eine späte Glut finden können." (F. Hölderlin in einem Brief an Böhlendorf)


Naxos? Der Ort, wo Theseus seine Retterin aus dem Labyrinth in Kreta vor dem Minotaurus wieder verlassen hat. Die schönste, so jedenfalls der Eindruck des jungen Lord Byron, und die größte Insel der Kykladen, das steht geographisch so fest, eine "Vielfalt an Landschaften mit fruchtbaren Uferebenen, fast alpenähnlichen Bergmassiven, silbrig grünen Olivenhainen und kilometerlangen, weißsandigen Stränken" (Führer aus dem Michael-Müller-Verlag).

Naxos ist vergleichsweise groß. 428 qkm, 32 km lang, bis 23 km breit, 15.000 Einwohner, höchster Gipfel ist der Zas 1.001 m hoch.

 

Naxos auf dem Weg nach Folegrandos
   

Es gibt im Vergleich zu den anderen Kykladeninseln hier relativ viele Höhlen. Am bekanntesten ist die "Spileon Argia" am Weg zum Gipfel des Zas, die überall erwähnt wird. Der Führer aus Michel-Müller-Verlag weist dann auf der Karte noch eine "Kako Spileo" an der Flanke des Kóronos aus, eine Höhle oberhalb von Apiranthos beim Fanáriberg und im Süden eine "Spilia toú Askiti". Genauere Hinweise werden aber nicht geliefert.

Da die Zeushöhle überall erwähnt wird und der Zugang in der westlichen Flanke des Berges Zas-Berges durchaus möglich ist, ist sie die meistbesuchte Höhle auf Naxos. In einem Beitrag im Internet wird von einer ganzen Karawane von Touristen berichtet, die sich dort bergan an manchen Tagen wohl schon wälzt - auch in Flipflops. Hat man ein entsprechendes Fahrzeug zur Verfügung, dann kann man ja bis auf eine halbe Stunde Fußwegentfernung hinfahren. Ab dem Parkplatz führt dann ein gepflasterter Weg ein Stück noch nach oben, vorbei an dem traumhaft idyllischen Quellbezirk "ton Arión". Irgendwann wird es dann doch richtig "wild". Ein wenig Vorsicht ist angesagt, um nicht auszurutschen im ziemlich weglosen Gelände, in dem man die Wegmarkierungen schon ein wenig suchen muß. Auf einmal ist wieder ein wenig Wasser am Weg, zumindest im März 2013, das aber schnell wieder im Untergrund verschwindet. Die Quelle "Levgasiés" liegt am Weg und nicht weit entfernt davon ist ein Fels mit der Inschrift: "Oros Diós Melosiou", was übersetzt bedeutet, daß Zeus der Beschützer der Schafherden sei. Der Eingang in die Höhle ist nicht zu übersehen, breit und relativ niedrig öffnet er sich links des Wegs. Vermauert ist er auch, aber ein Öffnung für die Tür hat man noch offen gelassen. Die war wohl einmal mit einem Eisengitter verschlossen, das aber längst wieder herausgerissen ist. Eine traurigen Reste liegen noch in der Landschaft.

Wir befinden uns am Eingang zu einer mythologisch höchst "aufgeladenen" Höhle. Schließlich geht es um den Göttervater Zeus. Eine sehr verbreitete Version der mythischen Geschichte spricht davon, daß er auf Kreta geboren worden sei und von seinen Ammen, aus Angst vor seinem Vater Kronos, der alle seine Kinder mit Ausnahme von Zeus, gleich nach der Geburt wieder aufgefressen hatte, in der Idäischen Höhle versteckt worden sei. Später sei er auf den Zeusberg auf Naxos gebracht worden, um ihn dort weiter großzuziehen. Es heißt nicht, daß er in die Zeusgrotte gebracht worden sei, aber diese Teil der Erzählung assoziieren wohl viele. Jedenfalls habe Zeus einem Adler, der gerade vorbeiflog, als er auf dem Gipfel eine Opferhandlung vollbrachte, einen Blitz entrissen, den dieser in seinen Klauen hielt. Mit diesem Blitz trat dann Zeus den Titanen gegenüber, tötete sich damit und machte sich damit zum Herrscher im Götterreich. Später sei Zeus in Adlergestalt nach Naxos zurückgekehrt.

Von irgendwelchen göttlichen Spuren findet man in der Höhle nichts. Im Eingangsbereich wurde Ende der 80er Jahre eine archäologische Grabung unternommen, deren Spuren man noch heute sehen kann. Sie ergab, daß man sich schon in der Jungsteinzeit dort aufgehalten hat. Auch aus der Bronzezeit und der Antike stammen einige bedeutsame Funde. Das Bekanntsein seit Anbeginn der Besiedlung der Insel hat seine tiefe Spuren hinterlassen. Der gesamte Eingangsbereich ist mit schwarzem Dreck überzogen. Da ist nichts mehr kaputt zu machen. Das Tageslicht erhellt noch einige Meter des erst einmal horizontal verlaufenden Höhlentunnels von 10 m Breite und 3 m Höhe. Rechts an der Wand tut sich auch gleich ein Loch im Boden auf, das den Zugang zu einem tiefer gelegenen Nebenraum vermittelt. Er dient früher als Zuflucht für die Bevölkerung und als natürliche "Kirche" der "Zoodóchos Pigi". In ihm gab es einmal ein, heute zerstörtes, Wasserbecken, in dem sich das Wasser ein kleinen Quelle sammelte.
Der Gang nimmt immer mehr an Größe zu und weitet sich zu einer riesigen Halle. Ihre Dimensionen gibt Petrochilos mit 115 m Länge an, einer maximalen Breite von 75 m und einer Grundfläche von 4.100 qm. PF100-Format hat sie, in der Sprache der Höhlenfotographen. Es ist recht mühsam, sich dort fortzubewegen, denn es gibt keinen richtigen Höhlenboden, sondern nur einen Blockverhau, den man irgendwie bewältigen muß. In höchsten Teil der Höhle kann man noch einige Tropfsteine bewundern. An Tieren soll es Fledermäuse und große gelbliche Spinnen geben.

Karl-Gustav Fiedler, ein Geologe aus Sachsen, erhielt den Auftrag, in dem Jahre 1834-37 ganz Griechenland zu bereisen und Aufzeichnungen über die größten Besonderheiten zu liefern. In seinem 1841 erschienenen Werk legte er dann die Ergebnisse vor. Von ihm stammt auch die erste schriftliche Aufzeichnung über die Höhle, die sogar einen Höhlenplan enthält. Eine kuriose Besonderheit aus seinem Bericht sei hier erwähnt. In der Eingangsregion entzündeten die griechischen Begleiter ein Feuer und äußerten den Wunsch, eine Fledermaus darin zu verbrennen. Auf die Frage nach dem Warum, bekam er immer nur die Antwort: "etsi", was übertragen so etwas wie "so ist es halt" bedeutet.

Ein paar Bilder von der Wanderung zur Höhle und von ihrem Innern


Filoti

Ein besonders schöner Ausflug auf Naxos führt nach Apiranthos. Von dort aus bin ich einfach einem Weg gefolgt, solange bis es nicht mehr weiterging. Ich stand dann auf dem Gipfel eines Berges. Neben mir war eine Kapelle und nicht weit davon, eine kleine Höhle. Im Internet habe ich "Fanari" als Bezeichnung der Örtlichkeit herausgefunden.

 
Beim Abstieg vom Gipfel

 

Straßenszenen in Filoti

 

Nicht nur Zeus, der Göttervater, wird mit Naxos in Verbindung gebracht, sondern auch einer seiner Söhne: Dionysos. Es gibt mehrere Versionen der Ursprungsgeschichte des griechischen Gottes des Weins, der Lebensfreude und der Exstase. Immerhin zwei davon bringen das Geschehen in Zusammenhang mit Höhlen auf dieser Insel. Es heißt Semele, die Königstochter aus Theben, eine der vielen Geliebten des höchsten Gottes, habe in der Jénnesis-Höhle bei Engáres das Kind zur Welt gebracht. Heute stehe dort die "weiße Jénnesis-Kapelle" (Graf). In einer anderen Version stirbt Semele nach einer raffinierten Aktion des eifersüchtigen Hera, Gattin von Zeus. Zeus entnimmt das Kind der sterbenden Frau, pflanzt es sich in den eigenen Oberschenkel und trägt es aus. Nach der "Geburt" auf dem sagenhaften Berg Nysa übergibt er das Baby den drei Nymphen Philia, Kleis und Koronis, die es  in der Kako Spilia bei Koronos aufziehen.
In den Homerischen Hymnen (26) heißt es:
"An Dionysos

Auf Dionysos, den efeubekränzten, hab ich mein Lied an!
....Vom Vater, dem Herrscher, empfingen
Nymphen in schönen Haaren das Kind
und reichten die Brust ihm,
nährten es sorgsam auf Nysas Hügeln.
In duftender Grotte
wuchs es der Zahl der Unsterblichen zu;
so wollt es der Vater.
Viel in Liedern gepriesen entwuchs er der Göttinnen Pflege,
zog dann gern von Gehöft zu Gehöft..." (Lessing, Die griechischen Sagen, S. 132)

Die christliche Zeit zeigt sich in Form einiger Höhlenkapellen auf der Insel:
- Ag. Ioannis Theologos bei Naxos
- Ag. Nikoláos zwischen Vivlos und den Sanddünen von Pláka
- Kaloritsa, die Höhlenkirche der "Glückbringenden Muttergottes" im Pyrgos Baséou
- Höhlenkapelle der Panagia am Fuße des Eliasberges


Literatur:

Bötig, Klaus Mykonos - Páros - Náxos, DUMONT, Ostfildern 2010

Fiedler, Karl Gustav
Reise durch alle Theile des Königreichs Griechenland, Leipzig 1841
Graf, Dieter Wandern auf Naxos, Edition Graf, München 2010
Lessing, Erich Die Griechischen Sagen, Bertelsmann, Göttingen 1985
Michael Müller Verlag Reisehandbuch Griechenland, Erlangen 2010
Petrocheilou, Anna Die Höhlen Griechenlands, Athen 1984
Rossiter, Stewart, edited by THE BLUE GUIDE GREECE, London, Chicago1973
Schönrock, Dirk Naxos, Michael-Müller-Verlag, Erlangen 2012

Links:

Naxos - Die Kunst des Reisens
Die Zeus-Höhle | Ferienhäuser in Azalas
The Cave of Zas
Neolithic Society in Greece - Google Books
Naxos island in Myhtology | Naxos History | Greece
Dionysos und die Insel Naxos | Ferienhäuser in AzalasNaxos und der Zas: Biwak auf dem höchsten Punkt der grössten Kykladeninsel! [hikr.org]
Die Tragea von Naxos mit den Dörfern Filoti, Chalkio, Moni und Apiranthos sowie dem Berg Zas auf Naxos
Die endemische Höhlenschrecke von Naxos | Ferienhäuser in Azalas
 

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