Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Speläologisches auf Capri


Die Blaue Grotte auf Capri / Grotta Azzurra / Blue Grotto


Auf den Spuren von Georg Kyrle, der 1931 mit Begleitern eine Tour dorthin gemacht hat, über die Insel wandern und mal sehen, was es an Speläologischem zu sehen gibt....


Es gibt etwas über 100 bekannte Höhlen auf Capri - und die Zahl ändert sich kaum mehr. Die großen Entdeckungen sind scheinbar gemacht worden und das seit 2.000 Jahren. Aber es gbit niemand, der endgültig weiß, ob sich nicht in den Tiefen des großen Kalkstocks, aus dem die berühmte Insel im Golf von Neapel nicht weitere unterirdische Schönheiten verbergen. Manchmal genügt ein kleiner frischer Einbruch in der Oberfläche, und Ungeahntes könntes sich auftun.

Berühmter geht es nicht. Die Blaue Grotte gehört zu den bekanntesten und besuchtesten Höhlen der Erde. Wer möchte nicht dort gewesen sein? Manche sind sogar ohne Boot hinein, weil sie einfach hineingeschwommen sind, um in der "Blauen Limonade", wie ihr Wasser einmal ironisch genannt wurde, zu baden. Wer hat sie gefunden? Jedenfalls prangt auch 2019 noch an der Stadtkirche in Capri eine metallene Gedenktafel an August Kopisch, der angeblich 1826 der Erste gewesen sei, der die Höhle betreten habe. Auch wenn man das, was man für richtig halten mag, in Metall gießt und an prominenter Stelle aufhängt, wird es nicht richtiger! In der Winterzeit gilt die Höhle als gesperrt, weil dann rauher Seegang oft den Zugang zur Höhle verunmöglicht. Hohe und höchste Brecher stürzen sich an die Felswände und werden knallend wieder zurückgeworfen, daß man froh sein darf, nicht dieses Urkräften ausgeliefert zu sein, wenn man weit genug vom Meer gebleibt.

< Straßenschild

> Hinweis auf die Zollwache

Auf dem Landweg unterwegs zur Blauen Grotte
Oberhalb der Blauen Grotte

Zwei weitere Höhlen auf Capri sind sehr bekannt, weil sie auf dem wichtigsten Rundweg der Insel liegen. Seine Länge wird mit 5 km angegeben und eine Dauer von 2 Stunden. Dazu geht vom Marktplatz in Capri bei der Kirche St. Stefano in Richtung Faraglione und dem der berühmten Punta Tragara. Der Weg mit seiner einmaligen Wegführung hoch oberhalb der lotrechten Abstürze ins Meer führt immer leicht mal bergauf, mal bergab. An einer Stelle wird der Blick auf ein atemberaubendes architektonisches Weltwunder frei: die Villa Malaparte. So etwas gibt es nirgends wieder auf diesem Erdball! Bald darauf wird es anstrengend. Viele Stufen führen wieder hinauf und hinauf. Dann steht man auf einmal in einer Höhlenlandschaft mit einem großen Raum und mehereren Ein- bzw. Ausgängen - die Grotta Matromania ist erreicht, 180 Meter über dem Meeresspiegel. Vor 2.000 Jahren wurde der ca. 30 m tiefe und 20 m breite Hohlraum genutzt, von Kyrle als "natürliche Schichtfugenhöhle" charakterisiert. Als Reste einstiger Pracht stehen noch ein paar Ruinen mit Kuppelgewölbe. Verschiedentlich wurden sie schon als Kulstätte des Mithras oder der Kybele angesehen. Der italienische Archäologe A. Maiuri nennt die Höhle ein Nymphäum, das aus der Zeit des Tiberius stamme. Die Steine sind stumm und ihre Sprache, falls es so etwas hier geben sollte, hat noch niemand entschlüsselt. 

 

Es sind noch etliche Stufen zu erklimmen, ehe man die Hochfläche erreicht hat. Dann geht es nach links zurück nach Capri oder nach rechts zum berühmten Arco Naturale. Dabei kommt man am höchst malerischen Grottelle-Restaurant vorbei. Unten stehen auf einer Aussichtsplattform mit Traumaussicht die Tische und Stühle der Gäste, und im Hintergrund erhebt sich eine weiße Felswand mit einem großen Loch darinnen, eine kurze Ausbruchshöhle, die für Gastronomiezwecke genutzt wird. 

Auf dem betonierten Weg geht es weiter und bald ahnt man in einer freistehenden Felsnase, daß die innen hohl sein könnte. Je näher man kommt, desto klarer wird das. Hier handelt es sich um den letzten existenten Rest eines ehemaligen Höhlensystems, ca. 160 m über dem Meeresspiegel. Kyrle beschreibt die Situation so: "Das Gebiet des Arco naturuale...besteht aus steileinfallenden, sehr stark verpressten, zum Teil dolomitisierten und brekziösen Schichten. Die fast senkrechten Wände im N und W enthalten mehrere Reste von Ausbruchshöhlen, die schmal und seicht, aber sehr hoch sind. Von der Nordwand zieht ein steiler Schutthang in die Tiefe. In seiner unteren Hälfte wird er vom Arco naturale überspannt, der im Westen auf der Steilwand und im Osten auf einem mächtigen Felspfeiler aufsitzt;  seine Pfeilhöhe? beträgt etwa 18 m, die grösste Breite etwa 12 m, die Gesteinsüberdeckung erreicht eine Stärke bis zu 12 m. In einem Vorsprung des Felspfeilers befinden sich drei übereinanderliegende Fenster und unter dem mittleren Evakuationsrest von ähnlicher Profilkonfiguration, aber noch nicht durchgebrochen." (Kyrle 28)

Bei der Punta Tragara kann man auf einem gepflegten Steig bis hinunter ans Meer und den Fuß der Faraglioni steigen. Viele, viele Stufe sind das herunter und dann wieder herauf. Bis hierher haben sich schon die Häuslerbauer  gewagt, haben ein Gebäude aus Grobsteinen hingemauert, daß momentan gesperrt und wieder dem Verfall preisgegeben ist und ein Restaurnat, das gerade geschlossen war, hineinkomponiert. Kurz vorher kann man auch nach rechts zu einem weiteren Etablissement wandern, das wohl im Sommer gefüllt mit lauter badehungrigen Gästen gefüllt wird. Natürlicherweise eignet sich diese Zone ja überhaupt nicht zum Aufenthalt mit Handtuch usw., weil die Kalkfelsen massivst zerfressen sind von der Korrosion. Um da abzuhelfen, hat man tonnenweise Beton ausgegossen und die Oberflächen geglättet. In den Beton hat man kurze Rohre gestecckt, in die man dann die Sonnenschirme stecken kann. Ansonsten wären ja die Badegäste schutzlos der gnadenlosen Natur ausgeliefert! Zur Felswand zu zeigen sich ein paar kleine Höhlenöffnungen, von denen eine von den Fischern als Lagerraum benutzt wird. Eine kleine Naturbrücke in den Küstenfelsen diente einem Keramikkünstler als Motiv für eine Arbeit von ihm.

Bei der letzten Serpentine der Straße, die von Capri nach Anacapri hochführt, liegt im steilen Felsgelände in 270 m Seehöhe eine "typische Ausbruchshöhle" (Kyrle 29), die Grotta della Madonna. Über viele Treppen würde es hinaufgehen bis zum kleinen Portal, in dem so eine klassische Lourdesdarstellung zu sehen wäre. An der Straße prangt eine große Steintafel aus dem Jahre 1895, auf der der Entstehungsgrund für diese Anlage zu lesen ist. Als Extra hat man sich aus dem Originallourdes einen Stein besorgt, den man nun auf einem Sockel mit einer Extrasicherung, damit ihn ja keiner einfach weg- und mitnehmen kann, geholt. Menschen aus anderen Kulturen und Kontinenten mit der Natur und den Steinen noch ganz anders umgehen, werden des "Animusmus" geziehen, wenn sie so etwas täten. Bei uns scheint das mal Teil eines akzeptierten chrischtlichen Weltbildes gewesen zu sein.

Der Lourdessstein w

Auf dem Weg von Capri hinunter von Marina Piccola sieht man links und rechts der Straße hohe Felswände aufragen. Auf der einen Seite steht hoch oben das Kastell von Capri, auf der anderen Seite liegt der Monet Solaro. Schaut man genau hin, dann sieht man ein paar dunkle Vertiefungen in den Felsen, die angesichts der Verbautheit der ganzen Zone wegen der privilegierten +++++-Sternelage, kaum bis gar nicht zugänglich sind. Da ist die Grotta Castiglione in 180 m Seehöhe, die über einen Serpentinensteig mit 390 Betonstufen angeblich zugänglich ist. Einen Hinweis darauf habe ich nirgends gefunden. Noch heute soll es Reste früherer Bebauung geben, die Zeugnis davon ablegen, daß es sich hier um einen Rückzugsort für Veteidigungszwecke gehandelt hat. 
Spektakulär ist der Eingang in die Grotta del arco, der nicht zu übersehen ist. 50 m breit, 40 m tief und 90 m hoch - das sind die Dimensionen des Eingangsportals. Sichtbar ist er zwar, aber wie man hinkommen könnte, das ist momentan wohl nur findigen Köpfen vorbehalten. Einen schriftlichen Hinweis wird man vergeblich suchen. Man muß sich schon ein wenig abseits der "beaten tracks" bewegen, schleicht sich zwischen der Einfriedungsmauer einer Villa und der Felswand hindurch, landet im einem große Komposthaufen für Grünschnitt, stößt auf große Haufen voller Ästen und Zweigen, die wohl zuerst einmal entmutigen sollen, es zu probieren, weiterzukommen, ein umgehackter Baum versperrt auf natürliche Weise eine kurze Kletterstelle, nirgends ist eine Pfadspur zu sehen, die Höhle kommt erst im letzen Moment in den Blick - und das ist das, was da auftaucht, einfach "breath taking". 50 Möwen flogen aus und ein im Riesenportal, das sich nach oben hin erst erweiterte und in dem dann sogar Tropfsteinfiguren auftreten. War es hier geheuer? Früher gab es ja auch hier einige Gebäude, von denen aber keine Reste mehr zus sehen sind. Am Boden lauter kleine Steinchen. Da war schon wichtig, denn die Frage ist ja, befindet man sich da in einem Steinschlaggelände? Könnte da nicht jederzeit wieder etwas von der Decke kommen und einen zu Brei machen? Ein Stein aus 90 m Höhe? 
Mit dem Steinschlag ist das so eine Sache. Nicht zufällig denke ich da an ein Schild am Eingang zur Weinberghöhle bei Mauern in Bayern. Da wurde vor einiger Zeit schon von der Naturschutzbehörde der kurze horizontale Felsgang abgegittert und ein Schild daran angebracht:

"Erhöhte Steinschlag- und Felssturzgefahr"

In Island wurde einmal einen große Lavahöhle für längere Zeit gesperrt, um dort "wissenschaftliche Untersuchungen" bezüglich der Steinschlaggefahr zu machen. Man breitete Material auf dem Boden aus und prüfte dann regelmäßig, wann und wo möglicherweise etwas von oben herunter gekommen ist. Was ist wohl der "wissenschaftliche Schluß" daraus, wenn nichts passiert? Oder wenn man 1 oder 2 Steine findet, die in einem Jahr herunterkamen. Will man den Versuch 100 Jahre lang durchführen? Wenn man in dieser Weinberghöhle etwas ähnliches gemacht hätte, den Boden der Höhle mit Material bedecken und dann warten, ob etwas herunterkommt.... Falls nichts passiert wäre, könnte man ja nachhelfen, selber, oder anderen den Auftrag geben, "Unsinn zu machen". Damit man die gewünschten Ergebnisse bekommt. Und wenn tatsächlich ein Stein natürlicherweise herunterkommt, was würde man daraus schließen? Daß der nun unten ist und nie mehr wieder herabfallen kann. Daß bald ein weiterer nachkommen wird? 

Der Boden der Grotta del arco ist ein ideales Feld für die Erforschung so eines Steinschlagthemas. Für eine panische Reaktion scheint mir kein Anlaß zu sein. Sich hier viel Zeit zu nehmen, das ist wunderbar. Der Blick nach draußen ist von million-dollar-Qualtität: unmittelbar vor einem ragen aus dem Meer die berühmten Faraglioni aus dem Wasser!

Grotta delle felci

Leider mußte die Fahrt zum Insel, wobei man die vielen Höhlen entlang der Küstenlinie überhaupt erst mitbekommt, bei meiner Reise nach Capri im Februar 2019 unterbleiben. Ein Schlechtwettereinbruch führte dazu, daß das Meer übersät von weißen Schaumkronen war. Zeitweise wurde der gesamte Schiffsverkehr eingestellt, die kleineren Ausflugsboote blieben lieber zurück im sicheren Hafen. Am dritten Tage hatte ich immerhin schon ein Ticket für die Tour um 9.45 Uhr, bekam aber dann doch wieder mein Geld zurück, weil der Sturm nicht nach, sondern noch zugelegt hatte. The ups and downs of life. Noch einmal wiederkommen? 

 


 

Speläologischer Stichwortzettel:

Certosa, Grotte unterhalb "Unterhalb am Strand befand  sich Capris größte Grotte, die aber 1808 durch eine Einsturz unzugänglich geworden ist." Cerio 82
Fra Felice, Grotta di Als eine Höhle im Inselinnern führt Kyrle auch diese Höhle (58) an. Sie habe sich in den "fast seiger stehenden Schichten zerriebener und sekundär wieder verbackener Brekzien" gebildet. Sie sei künstlich sehr stark veränderte Nischenhöhle, die der Überlieferung nach lange Zeit von einem Einsiedler bewohnt gewesen sein soll.
Blubacher weiß da mehr darüber. Krupp habe dort im Winter 1901/02 die Höhle im Stile einer mittelalterlichen Einsiedelei herrichten lassen und dort Feste für seinen Freundeskreis Congrega di Fra' Felice gegeben. Eine Tafel mit der Aufschrift "Parva domus - magna quiese" (Klein ist das Haus und groß die Ruhe) habe die Gäste begrüßt, die beim Eintritt ihre normale Kleidung gegen weiße Mönchskutten tauschten. In der Presse wurde verbreitet, daß sich dort "zahlreiche junge Männer prostituierten". 
Kyrle 27
Marina Piccola, Grotte auf der Wohnstätte für "seine ersten acht capresischen Jahre" des bayerischen "Naturmenschen" August Weber / "richtete sich häuslich dort ein, schrieb Nonsens-Gedichte, kochte vegetarische Suppen in einem Topf, den er "Mihi et musis" hatte, und tastete die Goldtaler, die ihm die begüterte Familie aus München schickte, nicht an" Cerio 21
Mithrasgrotte, Matromania
  • Wohnort des deutschen Aussteigers Miradois, der "lange mit seiner Ziege dort hauste", "bevor er dann zu seiner Frau in die Villa Monacone zog". Miradois hieß vorher Gustav Döbrich, fand aber den neuen Namen, "wie eine Gasse in Neapel hieß, passender für den Nachfolger des Messias, der er zu sein glaubte"
    http://mycapri.it/destinations-view/il-monaco-eremita-miradois/
  • "...diese Grotte, die man manchmal fälschlich als ein Heiligtum der Magna Mater - der Großen Mutter, einer Syrischen Göttin - betrachtet"
Cerio 22, Löwenstein 78

 

 

 

 

 

 

     
     

Literatur speläologisch: 

Kyrle, Georg Die Höhlen der Insel Capri, Wissenschaftliche Beihefte zur Zeitschrift "Die Höhle" Nr. 1, ohne Jahresangabe
Carcella, S., Piciocchi, A. Un monile nealithico nella grotta delle Felci di Capri, CAI Napoli, Annuario Speleologico 1974-75, p 17-20

Links:

Capri - Landschaft und Höhlen


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