Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Altamira
und Santillana del Mar


Künstliche Darstellung im Deutschen Museum in München / In der künstlichen Höhle in Altamira


Nahe dem Städtchen Santillana del Mar, 30 km von Santander entfernt, liegt knapp unter der Oberfläche einer langgezogenen Hügelkuppe eine der wichtigsten Höhlen der Erde mit prähistorischer Kunst, Altamira.

Mit der Entdeckung der Malereien an der Decke der Höhle durch ein Kind, die Tochter des Grund- und damit auch Höhlenbesitzers Marcelino de Sautuola, Maria, begann die Erforschung der prähistorischen Wandmalereien. Die Höhle wurde schon vorher entdeckt. Es heißt, daß ein Jäger 1868 den Eingang auf der Suche nach seinem Hund entdeckt hatte. Der Hund hatte Witterung von einen Fuchs aufgenommen, folgte ihm in den Bau, konnte dann aber nicht mehr heraus. 1878 besuchte Sautuola die Pariser Universalausstellung, wo er Fundstücke aus Höhlen erstmals sah, die eine künstlerische Qualität hatten und über die er mit dem bekannten französischen Prähistoriker Edouard Piette diskutierte. Wieder zuhause fing er an, in der Höhle auf seinem Grundstück nach solchen Stücken zu suchen. 1879 nahm er seine Tochter mit und sie war es, die mal nicht der Blick immer auf den Boden sondern zur Decke richtete und ausrief: "Papa mira, toros!" Tatsächlich, auf den Auswölbungen an der Decke waren meisterhafte Stierdarstellungen zu sehen! Viele Jahre später sagte Picasso: "Niemand von uns könnte so malen!"

Die Entdeckung erregte zuerst großes Interesse. Viele kamen, um die Bilder zu sehen, auch der spanische König. Von einem Lakaien wurde mit der Fackel ein "Alfonso XII" an die Wand gemalt. 1880 veröffentlichte Sautuola seine Entdeckungen in dem kleinen Büchlein "Breves apuntes sobre algunos objectos prehistóricos de la provincia de Santander". Er beschrieb darin seine Funde, die Steinwerkzeuge, die verzierten Knochen, die Farbpigmente und Überreste von Nahrung, die er gefunden hatte. Aus dem Vergleich mit den mobilen Kunstwerken, die er auf der Pariser Ausstellung gesehen hatte, schloß er, daß auch die Bilder an der Höhlenwand prähistorischen Alters sind.

Um 1880 verschwand Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für die Höhle. Anläßlich eines Archäologenkongresses 1880 in Lissabon hatte ein Professor für Paläontologie aus Madrid eine Reise nach Altamaira organisiert. Niemand kam mit. Immer größere Skepsis machte sich breit, weil die Bilder nicht in das damals herrschende Denkschema vom primitiven Urmenschen paßten. Die Bilder wurden als Fälschung klassifiziert. Edouard Harlé, ein französischer Forscher, bezeichnete nach einem Besuch der Höhle als ein Werk von Sautuola, das dieser bei seinen zwei Besuchen der Höhle sie selber angefertigt hätte oder hätten anfertigen lassen. Verbittert und schlecht angesehen starb 1888 Sautuola. Nach seinen eigenen Worten war die Entdeckung das größte Abenteuer seines Lebens und die bitterste Enttäuschung gewesen. Ein anderer, damals führender Prähistoriker, Emile Cartailhac, war auch über Sautuola schlecht hergezogen. Als sich die Beweise für die Echtheit der Höhlenwandkunst, vor allem durch die Entdeckungen in La Mouthe und Marsoulas in Frankreich, bestätigen, mußte sich dieser öffentlich in seiner Schrift: "Mea culpa d'un sceptique" entschuldigen. Für Sautuola kam das zu spät.

Die Höhle wurde nun gründlich archäologisch untersucht, aber ihr Bestand war keineswegs gesichert. In einem nahe gelegenen Steinbruch nahm man ständig Sprengarbeiten vor, die dazu führten, daß sich in der Decke Sprünge auftaten und sie abgestützt werden mußte. Sie wurde touristisch erschlossen und entsprechend vermarktet. Franz Eppel bemerkte schon in der 60er Jahren: "Viel zuviele Besucher werden durch die Höhle geschleust, die Führer plaudern gefällig und "allgemeinverständlich". Der hohe Ernst der Sache wird als billige Sensationn prostituiert." Es zeigten sich Schäden an den Bildern, sie wurde ganz verschlossen.

Der Weg aus dem Dilemma, hier etwas zu haben, was viele viele Menschen anzieht und damit den Tourismus fördert, andererseits aber das eben gefährdet, was die Ursache der Attraktion ist, wurde mit der Schaffung einer Kopie erreicht. Ein erster Schritt dazu war die exakte Erfassung der Höhlendecke, die nun als Kopie etwa im Deutschen Museum in München zu sehen ist.

Inzwischen wurde ein großes prähistorisches Zentrum umweit der Originalhöhle errichtet, in dem nun ein Museum über die prähistorische Kunst errichtet wurde und eine große Replik der Höhle. Einen Spaziergang zur Originalhöhle kann man auch machen, deren Eingang in großer Entfernung in einer Talung auszumachen ist. Heute überzieht man es mit dem Schutz schon und hat sogar das Fotographieren der Replik verboten. Nach Gründen zu fragen, das ist wohl müßig.

Der "Kult" um Altamira zieht Kreise. Jetzt gibt es sogar schon ein Brettspiel das so heißt > Zoch Verlag Zoch - Altamira

 
 
 
 
 
 
 
 

Vom Hauptteil der Höhlendecke gibt es zwei Nachbauten. Eine davon ist im Deutschen Museum in München. Hier einige Bilder davon:

   
   

Von Altamira kann man hinüberschauen auf Santillana del Mar, dieses kantabrische "Rothenburg". Vornehme Paläste und Herrensitze aus dem 16. und 17. Jahrhundert gibt es zuhauf entlang der weiten Gassen mit Kieselbelag, eine Basilika aus dem 12. Jahrhundert, feine Hotels, edle Restaurants und natürlich die vielen kleinen Geschäfte.
Im Juni 2011 stießen wir noch auf eine große Besonderheit: eine Ausstellung über prähistorische Kunst unter dem Aspekt der Sexualität! Da haben wir alle die Bisons und Hirschen und Pferde gesehen. Alles ganz jugendfrei. Vielleicht auch noch die Männchen mit den erigierten Penissen und die verschiedenen vollbusigen Venusfiguren. Aber da gibt es mehr: Darstellungen des Geschlechtsakts, Zoophilie, eine Kussszene. Hoffentlich wird sie auch an anderen Orten einmal gezeigt!

 
 

 

Literatur:

Bosinski, Gerhard, hrsg., Antonio Beltran Federico Bernaldo de Quiros Pedro A. Saura Ramos Altamira, Thorbecke Speläo, Band 6, 1998
Eggebrecht, Harald Wisente an der Wand, Süddeutsche Zeitung Nr. 210, 12./13. September 2015, S. 63
Eppel, Franz Stationen der ältesten Kunst - Im Land der Steinzeithöhlen, Wien München 1963
Leroi-Gourhan, André Prähistorische Kunst, Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau, 5. Auflage 1982
Lewis-Williams, David The Mind in the Cave, Thames & Hudson, London 2009

Links:

Museo de Altamira | Santillana del Mar (Cantabria) 39330 España

Deutsches Museum: Altamira-Höhle

Urlaub in Santillana del Mar in Kantabrien, Spanien | Spain.info auf deutsch

Zoch Verlag Zoch - Altamira Test und Preisvergleich

Die Kunst der Eiszeit - Die Entdeckung der ersten Höhle Altamira

Landschaft und Höhlen in Kantabrien


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