Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Thrihnukagigur


20 km südöstlich von Reykjavik befindet sich das Gebiet von Prihnukagigur (Drei Gipfel) in einer Seehöhe von 550 m. Es entstand in der heutigen Form im Jahre 784 n. Chr. bei einem Vulkanausbruch, während der ersten Zeit der Besiedlung Islands. (Andere schreiben, daß es dort seit 4.000 Jahren keine Eruption mehr gegeben hat).

Im nordöstlichsten der Vulkankegel, der sich nur 36 m aus der Hochebene heraushebt, ist eines der größten Naturwunder Islands, ja der Welt. Vom 4 auf 4 m messenden Eingang geht es 121 Meter in die Tiefe. Der Vulkanschlot erweitert sich auf 8 auf 15 m in 50 m Tiefe. Ab - 60 m ist die Dimension 15 auf 40 m. Darunter tut sich ein riesiger Hohlraum auf, der 150.000 m³ mißt. Vom Landepunkt aus gesehen geht es in einer Richtung 48 m weit, in der anderen 65 m. Der Boden ist geneigt und führt nach unten. Den tiefsten Punkt hat man bei - 204 m erreicht.

Der Eingang in den Schacht war Einar Olafsson schon länger bekannt, 1973 organisierte der "Icelandic Alpine Club" eine Tour dorthin, wobei auch Arni Stefansson mit dabei war. Der damals noch 23jährige Medizinstudent unternahm zusammen mit seinem Bruder erste Versuche, die Tiefe auszuloten. Mit Hilfe von Lavabrocken wurde akustisch gelotet und man auf eine Tiefe zwischen 160 und 180 m, mit einer Meßleine kam man auf 120 - 130 m. Im Sommer 1974 erfolgte die Erstbefahrung mittels gedrehtem Seil, Sitzgürtel und Flaschenzug. Es funktionierte und Arni betrat als erster Mensch den Boden des Vulkanschachts. Weitere Forschungen mit verbessertem Material folgten.

Inzwischen ist die Höhle für den Tourismus erschlossen, wobei großer Wert auf den Naturschutz gelegt wurde. Man kann über das Internet eine Tour von zuhause buchen, was ich auch getan habe. Das Vergnügen ist nicht billig: 39.000 Isländische Kronen sind zu berappen, was umgerechnet 265 Euros sind. Dafür wird man auch vom Hotel abgeholt und wieder zurückgebracht.

Ich hatte die Tour für den 3. Juli 2015 gebucht. 


Ich habe sie durchgestanden und bereue keinen Augenblick davon. Allerdings lief auch nicht alles nach Plan. Am vereinbarten Tag stand ich zur richtigen Uhrzeit an der Bushaltestelle und wartete. Neben mir waren noch viele andere, die hatten wohl andere Ziele, die wurden nach und nach alle abgeholt und ich stand dann da noch als letzter. Ich fragte nach bei einem Busfahrer, der wußte scheinbar Bescheid, erzählte mir daß da immer ein bestimmter Bus käme, aber der kam wohl heute nicht. Irgendwann gab ich auf, wohl nur Minuten zu früh, aber ganz alleine an ein "Wunder" zu glauben, das geht nur sehr schwer. Ich ging zurück in meine Unterkunft, das "hostel" von Reykjavik, dehnte meine Frühstück aus, und dachte darüber nach, wie es weitergehen könnte. Die sehr freundlichen jungen Leute am Counter waren gleich sehr aufgeschlossen und telefonierten mit den Veranstaltern. Ja, das war ein später ein Bus gewesen, aber ich war halt nicht mehr an der Haltestelle. Am nächsten Tag war wieder ein Platz frei, da checkte ich ein, ich hatte nur noch einen weiteren Tag in Reykjavik irgendwie zu verplanen.

Am nächsten Morgen traf er tatsächlich ein, der Bus, brachte mich zum Busumschlagsbahnhof, ich stieg aus, ging zum nächsten Counter, bekam eine Registrierung für die Höhlentour und erfuhr, mit welchem Bus es weitergehen sollte. Es waren tatsächlich noch ein paar andere dabei, so daß ich keine Angst haben mußte, alleine die "journey to the center of the earth" durchstehen zu müssen. Es ging hinaus aus dem lockeren Häuserbrei von Reykjavik in Richtung Hveragerdi und den Südosten der Insel. Es war ja schon spannend, wo denn dieses "Teufelsloch" denn lag, denn es hatte ja gar so lange gedauert, bis man es "richtig" entdeckt hatte. Es liegt mitten in einem Berggebiet, im Winter auch Skigebiet, das sehr nahe an der Hauptstadt liegt. Die Region ist am Horizont leicht auszumachen - für den, der Bescheid weiß.

Auf bestens asphaltierten Straßen ging es voran, auch hinauf auf den Berg, wo nicht weit von uns die Talstation eine Skilifts war. Dort steht eine Berghütte und dort  kamen auch noch einige weitere Leute dazu, die sich unserer Besuchergruppe anschlossen. Im Keller des Gebäudes wurden wir "gebrieft" und erfuhren alles, was man auf dem weiteren 3 km langen Weg so brauchen konnte. Bei mir blieb hängen, daß wir uns immer an eine der beiden Führerinnen wenden konnten, wann immer wir wollten. Da das Merken von Namen für viele ein Problem ist, schlug sie viele Varianten vor, die letzte, übrig gebliebene wäre dann "yellow guide", aber auch dies sei in Ordnung.

Wir trotteten gemeinsam dem schmalen Pfad nach, nachdem wir die Fahrstraße überquert hatten, immer das Ziel, die kleine Hügelgruppe in der Ferne, die 3 Gipfel. Rund eine halbe Stunde sollte es dauern. Wir trotteten und trotteten, passierten eine kleine Zone mit Höhleneingängen, dann eine Felsspalte, wieder diese berühmte Trennungslinie zwischen den Kontinenten, hier auch die Trennung zwischen "King" and "Queen", 2 Zentimeter im statistischen Mittel, nichts ist doch fest auf dieser Erde.

Schließlich kamen wir bei den beiden Containern und dem Klohäuschen an, die da ziemlich unvermittelt und nachhaltig, weil leicht wieder hoffentlich spurlos entfernbar, in der kahlen Felslandschaft stehen. Jeder bekommt einen Helm mit schwacher Petzllampe verpaßt (außer mir, ich hatte die Scurionleuchte auf dem Helm dabei) und ein Sitzgeschirr.

Langsam wurde es spannend. Die Großgruppe spaltete sich in Kleingruppen, die in Zeitabständen von etwa 15 Minuten loszogen, um hinabgelassen zu werden "into the bowels of the earth".

Man steigt bis zum Gipfel hinauf, umkreist ihn halb, hat eine atemberaubende Fernsicht bis weit hinter Reykjavik und steht dann in dieser Mondlandschaft auf einmal vor einem menschlichen Bauwerk: ein Stahlgestell spannt sich über einen Abgrund und ein weiteres hört in der Mitte auf. Dort dockt der Aufzug an, der die Besucher in die Tiefe bringt. Es scheint ein Apparat zu sein, der ansonsten wohl Fensterputzern hilft, an den Fassaden auf und ab zu kommen. Die Gebrauchsanleitung in deutscher Sprache zeigt wohl, wo er herkommt.
Als Besucher klickt man seine Sicherungsleine am Sitzgurt, den man im Container verpaßt bekommen hatte, schon bei der Brückenquerung ein, später auch im Förderkorb. Der Aufzugbediener kennt sich aus und vermittelt Sicherheit und Ruhe. Fast lautlos gleitet das Ding in die Tiefe, seitlich auch abgesichert durch eine Gummirollenkontruktion, die ein sicheres Vorkommen an der sehr nahen Felswand ermöglicht.

Erst verengt sich die senkrechte Röhre, dann weitet sie sich immer mehr zu einem riesigen Raum. Der Formen- und Farbschatz ist unvergleichlich mit allem, was man so aus dem Karst kennt. Seitlich gehen Räume auch weiter nach unten, aber die sind für den Besucherverkehr gesperrt. Man sieht auch so genug, hat Zeit sich umzuschauen. Nach rund einer halben Stunde heißt es, wieder einzusteigen und gleitet dann im Korb wieder nach oben. Das Photographieren ist selbstverständlich erlaubt und mittels modernen Digitaltechnik leicht möglich.

Zurück im Container gibt es eine isländische Gemüsesuppe in zwei Versionen: mit und ohne Schaffleisch. Inzwischen gibt es auch reichhaltiges touristisches Material: vom Buch bis zum T-Shirt, das man dort gleich auch erwerben kann. Wenn das Frühstück drückt, der kann zum Klocontainer rüber, wo auch dieses Problem behoben werden kann, nicht unwichtig, will man die Unberührtheit der Gegend wirklich schonen. Ein kleiner Spaziergang in die Umgebung ist auch möglich, was wohl die Wartezeiten verkürzen soll. Eine kleine Durchgangshöhle liegt da auf dem Weg, eine versteinerte zerplatzte Gasblase ist zu bewundern und ein ganz einfache Art Hirtenunterkunft, versteckt im Felsen.

Der Touristenbetrieb ist streng getacktet, so daß sehr darauf geachtet werden muß, daß alles wieder rechtzeitig beim Bus zurück sind. Ich hatte mich etwas beeilt und so noch die Gelegenheit, eine der Höhlen unterwegs am Weg kurz noch aufzusuchen und drinnen zu photographieren. Schon war unsere Guidin wieder da und holte mich heraus aus dem Loch. Schließlich galt es wieder zurückzufahren nach Reykjavik und die nächste Besuchergruppe abzuholen.

Wenn es auch ein teures Vergnügen ist, es lohnt sich unbedingt. Höchste Sternenklasse!

So beginnt die Reise:

im Bus

     
 
     
Ein Teilmodell der Höhle steht
wenig beachtet im
Umkleideraum der
Hütte

 

 
     
> Am Ausgangspunkt der
Wanderung, im Hintergrund
der "King"
     
< Der große Riss durch Island
auf einer Stahlbrücke zu
überqueren

> Die Servicecontainer, unauf-
fällig postiert

     
< Im Container gibts heiße Getränke

> Am Weg zum Gipfel und damit
zum Höhleneingang

     
 
     
 
     
Der Schacht
     
Die Magmakammer
     
 
     
Blick nach draußen mit Aufzug
     
< Zurück im Container

> Die warme Suppe hinterher

     
Das T-shirt zur Erinnerung!

> kleine Durchgangshöhle

     
Eine Höhle am Rückweg
     
 
     
 
     
 

 

Literatur:

Hróarsson, Björn Hraunhellar á íslandi, 2. Auflage 1991, Rejkjavik 1990
NSS NEWS August 1992 Der Krater des Vulkans Prihnukagigur, übersetzt in: Höhlenpost 90-1992, S. 24f.
ohne Verfasserangabe, zitiert nach NSS NEWS, August 1992 Der Krater des Vulkans  Prihnukagigur, Höhlenpost 90-1992, S. 24f.
Stefánson, Árni B. Prihnukargigur, 6. Symposium für Vulkanspeläologie, Hawaii 1991, S. 197ff.

Links:

Inside the Volcano, Iceland Volcano Tour | InsideTheVolcano.com

 World's Only Drop-In Volcano, Thrihnukagigur, Opens For Third Season Of Tours

Inside the Volcano - Thrihnukagigur Magma Chamber | Caving Tour | Hiking Iceland

Landschaft und Höhlen auf Island


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