Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Landschaft und Höhlen am Manavgat, Westlicher Taurus


Die Staumauer des Homadamms


Der Manavgat ist zuersts einmal ein 80 km langer Fluß, der, von vielen Karstquellen des Taurus gespeist wird und nach kurzem Lauf ins Mittelmeer mündet. In der wasserarmen Gegend, wie sie nun einmal die Zone zwischen der hohen Taurusbergen und dem schmalen Meeressaum darstellt, ist "Wasser" ein echter Schatz. Inzwischen hat sich an den Ufern des kurzen Flusses eine richtige Stadt gebildet, Manavgat. Aufgeblüht ist hier alles, weil es den modernen Tourismus gibt.

Im Grunde hat das alles zu einer Umkehrung einstiger Verhältnisse geführt. Die Strandzonen wurden den Mädchen in den Großfamilien zugeordnet, die saftigen Weiden für die Tiere den Männern. Die haben damals das "Gold" abgeworfen", jetzt ist es ganz anders. Die modernen "Melkkühe", oder "Seidenraupen" oder was auch immer, das sind die "Touristen". Und die werden in den großen "Ferienanlagen" geschröpft, mehr oder weniger deutlich.

Und dazu braucht man Wasser. Was nicht nicht weit von der Küste verfügbar war. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat man ein deutliches Zeichen gesetzt - man hat den großen Karstfluß, der den Taurusbergen entfließt, mit einer mehr als 100m hohen Staumauer eine erste Sperre entgegengesetzt, weiter unten gibt es dann noch mal so ein künstliches Stauland. Dann fließt der starke klare Fluß weiter, über mehrere Wasserfälle, die alle Magnete für Besucher sind, durch die Stadt Manavgat, wo es regelmäßige Flußfahrten auf ihm gibt, bis hin zu der Vereinigungsstelle zwischen Süß- und Salzwasser, wo sich alles auflöst im ewigen Hin und Her der Elemente.

Manavgat - das wurde und angepriesen als der Ort, wo man am Montag unbedingt zum Bauernmarkt gehen solle. Von Sonnenaufgang bis - untergang werde dort praktisch alles angeboten und verkauft, was man sich nur denken könne. Das klingt wie der Idealzustand der "Marktwirtschaft". Deshalb lohnt sich jeder Besuch. Denn auch da kann man sehen, daß diese krumme Idee/Ausgeburt menschlichen Denkens genauso wie so viele andere im Grunde nur Monster gebiert (wer das mal anschaulich sehen will, der schaue sich Bilder von Goya an!). Sorry, aber all das, was einem in den Univeristitätskursen zur Wirtschaft vermittelt wird, hält dem "empirschen Test" nicht stand.

Der Markt - das Aufeinandertreffen von "Angebot" und "Nachfrage". Da haben wir den klassischen Fall. Unendlich viele Anbieter und was........? Nachfrager? Ich habe nichts gekauft, trotz all der "günstigen Preise". Ein Bier = 1 €? Ein paar BOSS-Socken 1 €. Hemden, Hosen, Taschen und vieles mehr.

Nach der "Schule der Ökonomi"e bin ich am Nachmittag nach Seleukia allein gefahren. Ein wunderbarer Ort für mich. Eigentlich darf ich ja diesen Satz gar nicht ins Internet setzen, weil das dann ja soundsoviele andere Leute lesen und dann auch vielleicht empfinden, daß sie da auch mal hinwollen. Und damit wäre dann der ganze Charme des Ortes gleich wieder weg. Wer es nicht glaubt, der fahre bloß nach Aspendos mit seinem großen Amphittheater. 2 € schon bloß für den Parkplatz, als ich den vermeiden wollte, erfuhr ich, was Verkehrsregelierung heißt - hier überall Parkverbote. Als ich neben einem kleinen öffentlichen Wasserhahn ein Plätzchen fand, da war gleich so ein moderner "Pirat" da und bot mir an, mit ihm doch ins nächste Schutz- und Lederzentrum zu fahren. Was ich hätte schon alles? Da zog er aus einer Schachtel "alte römische Münzen" hervor. Das seien doch schöne Souvenirs. Auch für die Kinder. Wo ich denn hier untergkommen sei. Ob ich zum ersten Male in der Türkei bin. Wo die Frau sei? Ein eingeschliffenes Ritual ist ds, dem man nur schwer auskommt. Am Ende fuhr ich dann doch auf den teuren Parkplatz. Als ich dann mir eine Karte für das Betreten der antiken Stätten kaufen wollte, wurde ich mit meinen Euros abgewiesen. Man würde nur türkisches Geld nehmen. Gleich daneben stand schon, hilfreich wartend, der Geldwechsler und bot einen "günstigen Wechselkurs". Mir reichte es, ich ließ die Antike unangeschaut und fuhr weiter. Wie schön war dagegen dieses Seleukia gewesen, auch hier ein Ort, der eindrücklichst als Symbol von Vergänglichkeit durchgehen kann. Wo sind bloß all die Menschen, die das einst gebaut haben, die hier lebten, gegangen, geliebt und gelitten haben? Heute ist es still hier, unendliche Schwärme von Zikaden spielen ihre Syphonien, die anschwellen und leiser werden, je nachdem, wo sich der durchwandernde Mensch gerade befindet.

Auf meiner schlechten Karte, der einzigen, die man überall für 6 € kaufen konnte, SIDE-BELEK-MANAVGAT von MAPMEDYA, war bei dem Seleukia eine Straße eingezeichnet, die in Richtung Ürünlü führte, dem Ort, wo in der Nähe die Altin-Besik-Höhle liegt. Heute muß ich sagen, daß das, was da als "Karte" verkauft wird, teilweise eine echte Irreführung ist. Ich versuchte im Dorf mich durchzufragen, wo denn diese eingezeichnete "Straße" denn eigentlich sei. Ein alter Türke schien zu verstehen und winkte zu einer Schotterstraße, die ganz in der Nähe steil den Berg hinunter und später auch wieder hinaufführte. Ich ließ mich auf das Abenteuer ein. Als erstes passierte ich Reste der alten griechischen Wasserleitung, die vom Manavgat nach Side führt. Dann ging es weiter schottrig in die Einsamkeit. An eine Markierung war ohnehin nicht zu denken, ich war schon froh, daß da überhaupt was Befahrbares nordostwärts führte. Ein Bergkamm war zu überfahren, dann folgte der Weg erst einem Tal, dann einer Schlucht aufwärts. Hier wurde es richtig malerisch, aber für normale Pkws war das eigentlich schon lange nichts mehr. Teilweise war der Weg, denn Straße darf man das nicht mehr nennen, schon wieder abgerutscht und es war gerade noch so viel Fahrfläche vorhanden, daß es noch weiterging. Einige quer verlaufende Hoppelhindernisse packte ich auch gerade noch. Was würde bloß sein, wenn da mal ein größeres Hindernis auftauchen würde? Alles wieder rückwärts fahren? Undenkbar, so etwas hätte mein Hals nicht ausgehalten. Und dann es dann auch, das große Hindernis. Allenfalls mit ausgefuchsten Allradfahrzeugen hätte man es da noch versuchen können, eine Felsstufe von etwa einem halben Meter war da vor mir, steil und ziemlich unvermittelt wäre es da hoch gegangen. Ich gab auf, machte zig Wendemanöver bis zum Schluchtrand und kriegte doch noch die Kurve. Nichts passiert, aber auch nichts erreicht. Man muß schon eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen, wenn sich in diesem Teil der Türkei auf eigene Faust bewegen will.
Einen Tag später löste sich das Rätsel. Von der ganz anderen Seite kam ich ganz in der Nähe tatsächlich heraus - auf einer breiten Teerstraße, die zeitweise drei vollbeladenen Lkws Raum geboten hätte. Wenn die Türken schon Straßen bauen, insbesondere in den Bergen, dann wird da was hingestellt! Eine abenteuerliche Straße ist da, hineingefräst in die hohen Berge mit den tiefen Schluchten, insbesondere entlang des Manavgatflusses.

Der Homastaudamm ist längst gebaut und ist die Grundlage für die Stromgewinnung, die Wasserversorgung und für einen wachsenden Tourismus. Unterhalb des großen Damms ist ein kleinerer, der auch für die Entstehung einer Freizeitlandschaft genutzt wird. Wer die sehr lohnende Tour auf den Staudamm und dahinter selber unternehmen will, der muß an der Straßensperre halten, sich registrieren lassen und den Paß dort hinterlegen. Dann öffnet sich das Tor und man kann auf Pisten den Weg hinauf zur Dammkrone zurücklegen. Der Blick vom kleinen Wendeparkplatz gleich über der Dammkrone ist schon atemberaubend. Unter einem 120 m hoch die Staumauer, dahinter der fjordartige Stausee mit seinem hellblauen Wasser und rundum hohe Berge und Urnatur.

Was damit verschwunden ist, das ist viel ursprünglichste Natur, die in der Manavgatschlucht noch vorhanden war. Und eine der größten Karstquellen der Welt, die Dumanliquelle, ist über hundert Meter überstaut und damit verschwunden. Sie liegt/lag in 60 m Meereshöhe und hat/te eine mittlere Jahresschüttung von 50 m³/s. Die maximalen Schüttungswerte gehen bis auf 100 m³ hinauf und auf 18 m³ herunter. Sie soll ein theoretisches Einzugsgebiet von 2800 km² haben. Wo es genau liegt, das konnte trotz intensivster Forschungen insbesondere durch französische Forschungnie genau geklärt werden, wobei man es begründeterweise in den Poljen von Akseki, Sadiklar und Sugla vermutet wird. Kein einziger Färbeversuch ist je erfolgreich gewesen.

Der Stausee hat aber nicht die ganze Flußschlucht geflutet, sondern oberhalb sind noch viele Kilometer noch heute erhalten. Dort treten noch weitere Karstquellen zu Tage, die von großer Bedeutung sind. Bei den Quellen von Yedi Miyarlar kommt Wasser wieder aus dem Berg, das man zuletzt im See von Beysehir gesehen hat, was immerhin 720 m höher liegt und 75 km entfernt ist. In diesem großen Quelldelta tritt auch das Wasser aus der Kembospolje (30 km entfernt, 730 m Höhenunterschied) wieder aus, das auch in der großen Altin-Besik-Höhle zu finden ist.Und es gibt noch ein drittes Quellsystem, das von Eynif, mit einer Entfernung zwischen Schluckstelle und Wiederaustritt von 35 km und einem Höhenunterschied von 910 m.

Ein Tag später nahm ich mir vor, die Altin-Besik-Höhle bei Ürünlü zu besuchen. Es schien nicht schwer zu sein, da bereits an der großen Hauptstraße von Manavgat Richtung Konya bereits ein großes Schild auf die Höhle hinwies. Allerdings war mir innerlich schon ganz schön bange, wie es denn um den Zustand der Höhle bestellt sei. War das jetzt auch schon eine Schauhöhle inzwischen?

Wieder einmal war die Karte eine bloße Irreführung der Öffentlichkeit, denn was da nur ein kurzer Strich erscheint, der Weg hinunter zum Manavgat und der Brücke über den Fluß, das war eine Dauerkurbelei bester Güteklasse. Außerdem wurde auch noch gerade die Straße gebaut, so daß überall Baumstämme und Äster rumlagen und das Ganze zum Vergnügen ganz spezieller Art wurde. Dann ging es wieder steil bergan und noch weiter und noch weiter. Ich durchquerte Ibradi, fuhr weiter, nirgends ein Schild, absolut nirgends. Irgendwann gab ich auf, drehte um und fuhr die 25 km wieder zurück, die ich gerade durchs Hochland gekurvt war. In Ibradi beschloß ich mal rechts herum zu fahren und was war da? Ein prächtiges Schild, das direkt zur Altin-Besik-Höhle zeigte! Besser hätte man es nicht verstecken können. Sollte ich wirklich weitermachen? Was würde denn sonst noch auf mich warten? Noch mehr versteckte oder gar keine Schilder? Noch mehr kaputte Straßen? Psychische Qualitäten sind da gefragt, insbesondere Frustrationstoleranz und Durchhaltewillen. Ich fuhr. Und tatsächlich kam da ein Dorfschild "Ürünlü", ich fragte ein paar Kinder am Ortsrand, die bedeuteten mir, daß ich mitten hinein fahren solle, da würde es schon weitergehen. Ich kam in die Ortsmitte, die ganzen alten Männer waren versammelt im Dorfwirtshaus, schauten neugierig, wer sich denn da zeigte. Ich fuhr weiter, kein Hinweisschild, landete am anderen Ortsrand. Da war ein großes Schild, das alle potentiellen Besucher der Höhle aufforderte, sich einen Führer im Dorf zu nehmen. Ich fuhr zurück bis zum Markplatz und bog in ein enges Wegerl ein. Zwischen den Bauernhäusern geht es durch, da waren auf einmal wieder Wegweiser. Das letze Haus war erreicht und eine Schotterstraße führte weiter. Ich fuhr einfach drauflos. Eine Bautafel stand am Weg, verkündete stolz den Namen der Baufirma, die sich auf das Abenteuer des Wegbaus zu dieser Höhle eingelassen hatte. Offenbar ist das hier ein Nationalpark jetzt und dafür wird nun einiges getan. Der Weg führte steil nach unten und schickte sich an über eine Betonbrücke auf die andere Seite einer immer tiefer werdenden Schlucht zu führen. Ich begann zu zögern, stellte lieber das Auto vor der Brücke ab und ging den Rest zu Fuß. Ich wußte ja nicht, was da noch kommen würde und ob da ein Umkehren überhaupt noch möglich war. In der Ferne war bereits ein Häuschen zu sehen. In ihm erwartete ich einen Führer zu finden, der mir wohl ein paar Euros für den Besuch der Höhle abknöpfen wollte. Auf der schlechten Schotterstraße kam ich tatsächlich dort an, niemand war da. Auch keine Höhle. Wo war sie nur? Der Weg führte weiter, nun steil bergab, tief hinein in die Manavgatschlucht. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, zu hören, geschweige denn zu riechen. Der Fluß war deutlich auch schon weit oben zu hören.

Wo war bloß dieses Loch? Ein paar hundert Höhenmeter geht es wirklich nach unten, schon bald bis auf Flußniveau. Auf einmal erkennt man, daß sich da ein u-förmiges Seitental auftut, daß es genau da hineingeht. Eine riesige Felswand mit dramatisch gefalteten Kalkschichten tut sich vor einem auf und genau am Fuß davon, dort wo der grüne Bewuchs aufhört, da liegt der Eingang zur Höhle. Das ist eine der beeindruckensten Lagesituationen eine Höhle auf der ganzen Welt. Wenn es noch die ursprüngliche Situation wäre. Aber leider geht halt jetzt auch schon eine schlechte Fahrstraße hin und dabei wird es wohl nicht bleiben. Das zutiefst Eindrucksvolle ist die ungestörte Lage in der Natur - und in die wurde ja jetzt auch schon leider eingegriffen. Mit einem Allradfahrzeug kann jetzt jeder bis 50 m vor den Eingang fahren, läuft ein paar Meter und steht am in vielen Blautönen schimmernden Höhlensee. Noch hält sich der menschliche Einfluß in Grenzen, aber er ist halt auch schon da. Ein Gummiboot lag da, ein Tretboot auch noch, und auf der anderen Seite des weiten Portals steht ein Stromgenerator, den man heute wohl bei Bedarf anwirft, damit er Elektrizität erzeugt, die über ein gut sichtbares Stromkabel in die Höhle geleitet wird. Ich nehme an, daß man heute einfach den ersten Höhlensee, der 120 m lang ist, hineingegondelt wird und daß man mit dem Licht die 40 m hohe Wand am Ende ausleuchtet. Aber wer weiß schon, wie es weitergeht? Wenn eine Höhle nicht attraktiv genug ist, wenn nicht ausreichend Besucher kommen, dann erschließt man sie halt weiter, baut ein Stiegenhaus hinauf und läßt dann die Touristen auch noch durch die kilometerlangen Gängen darüber mal laufen.

Schade, schade, denn der wahre Reiz dieses Ortes lag/liegt in seiner Entlegenheit und der damit früher verbundenen Unberührtheit. Wenn es da mal aussieht wie überall, dann hilft auch die ausgezeichneste Lage nichts. Dann ist die "Nymphe" für immer verschwunden, so das alte poetische Bild für den Zauber so eines einmaligen Ortes.

Am Ortseingang von Ürünlü
Das Bauschild
 
Der Weg in die Manavgatschlucht
Die Region über dem Eingang
Der hinter Olenanderbüschen verborgene Eingang
Ein erster Blick auf den Eingangssee
Die "Armada"
 
Das Stromaggregat
 
Tief unten der Manavgat
Das Nationalparkschild
 

Literatur:

Hardcastle, Ray, Schmitt, G.E. The Mystery of Altin Besik Duedensuyu Magarasi - The Cradle of Gold, NSS News April 1987, p 72ff.
Farr, Martyn Two weeks in the Taurus, DESCENT(140) FEB/MAR 1998, p 26ff
Farr, Martyn Another Mountain to Climb, DESCENT (148) JUNE/JULY 1999, p 28f
Chabert, Claude Sur trois systems karstiques de grand ampleur: Eynif, Kembos et Dumanli (Taurus Occidental, Turkey), S. 105ff.
Müller, Anton Bericht über Türkeiexkursion, DER SCHLAZ Heft 1, Mai 1970
Chabert, Claude Turquie 1982 ou le retour aux sources, Grottes & gouffres, p 3ff
Gutwerk, Wolfgang, Schmitt, Gerhard Türkei '81, Der Schlaz 37, Juni 1982, S. 29ff.
Müller, Toni Türkeifahrt Nov.71, Der Schlaz 6 1972, S. 1ff.
Müller, Toni Stolzes Fiasko (Ein Zitat aus dem Spiegel vom 23. Juli 1973 mit Kommentar), Der Schlaz 9-1973, S. 22

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