Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Das Erdstalltreffen 2006 in Kloster Strahlfeld bei Roding


Erdstall von Mitterschneidhart

Erdstall von Wutzldorf



"Gemeinsam alt werden" - der Gedanke tauchte immer wieder diesmal in mir auf. Wir begleiten uns gegenseitig durchs Leben - oft über viele Jahre schon hinweg. Viele Leute sehe ich nur einmal im Jahr - immer nur auf der Erdstalltagung, aber immerhin. Es sind schon ein paar echte "Originale" unter uns, auch nicht im entferntesten durch irgendjemand anders auch nur im entferntsten zu ersetzen. Noch müssen wir nicht zu dem jährlichen Ritual antreten und jedes Jahr den Tod eines ............... / was soll ich nur für ein Wort hier verwenden? / eines Mitglieds - eines Mitsuchers/in - eines Erdstallerers /....? beklagen. Noch dürfen wir sogar den 80sten Geburtstag von Dorothée in unserem Kreis feiern. Und hoffentlich von noch mehr solcher langlebigen Gwachse.

Am Freitagabend, den 22. September 2006, gegen 18 Uhr begann es mit dem Abendessen. Die Organisatoren aus dem Kloster haben diese wichtige Schaltstelle für die Zufriedenheit der Besucher sehr gut im Griff. Vom warmen Essen bis zur Wurstplatte war alles in ausreichendster Weise verfügbar, so daß da wirklich keiner hungrig wieder aufstehen mußte. Das Haus war voll, viele viele Frauengruppen trafen sich da in den diversen Räumen des Klosters, der größte Raum war allerdings belegt von den "Erdstallforschern".

Erster öffentlicher Programmpunkt war die Ehrung von Dorothée zu ihrem Geburtstag. Da wurde ein wahrer "cornerstone" des Arbeitskreises geehrt, was sie aber würdig hinbekam.
Ein ziemlich trockener Programmpunkt war dann noch zu meistern: die Neuwahl der Vorstandschaft. Wer sollte der/die neue Vorstand/in werden? Mit Regines Einverständnis, daß sie sich eine weitere Amtszeit von 3 Jahren antun will, war das "harte" Kanditatenrennen gelaufen.
Warum eignet sich gerade eine Frau so sehr für die "Spitze" des Erdstallvereins? Ist ein Erdstall vielleicht nicht einfach "das" weibliche Symbol und Männer da im Grunde nur "Fremdkörper"? Höchst wichtige und von der "Natur" da auch dafür vorgesehene, aber im Grunde ist das nicht deren "royaume". Sie sind da allenfalls "Gäste". Sie zählen, messen und wiegen da mit Leidenschaft und sehen dabei nicht das................................. (Ich schreibe hier bewußt nicht die Worte hin, die ich mir an dieser Stelle gedacht habe... denn sonst werde ich vielleicht nach Jahrhunderten noch gerade so zitiert, wie es jemandem gerade in den Kram paßt - im Grunde ist es ja egal, denn wenn da ein "Wort" stünde, würde es genauso so lange hingebogen, wie es zur gerade gängigen Zeitgeistinterpretation paßt.)

Beim Beirat gab es ein paar Zugänge und Abgänge, ansonsten sitzt das Fundament des "Arbeitskreises". Eine kleine Pause, dann noch Peter Forsters Rückblick auf die letzte Tagung.

Der Samstag war ein Prachttag. Bayerischer Blauhimmel vom Feinsten. Luxusfrühstück, dann Versammlung im Vortragssaal. Eine Strafe? Hinein in einen abgedunkelten Vortragssaal, um die Projektionen noch sehen zu können? Nein, wirklich nicht.
Dieter Ahlborn begann den Reigen mit einem Vortrag über die Lippoltshöhle mit dem Titel: "Räuberhöhle oder Erdstall". Abgesehen davon, daß es richtig spannend war, mal eine anthropospelälogisch höchst interessante Höhle umfassend darstellt zu bekommen, ging es ja um die Frage "Erdstall oder nicht"! Was ist schon, was nicht mehr ein "Erdstall"? Ist jedes man Menschen erstellte Bauwerk unter der Erde ein "Erdstall"? Solch eine Frage formuliert, kommt jedem Kenner der Szene sofort der Brechreiz. Sicherlich nicht. Komisch, wenn man in einem der klassischen "Erdställe" mal gewesen ist, dann hat man sofort ein Gefühl dafür, was denn eigentlich gemeint ist und was halt nicht. Da geht es um was anderes, aber um was denn eigentlich? Die große Frage.

Viele neue Gesichter traten diesmal auf, was natürlich höchst zu begrüßen war. Lutz Winklers Vortrag war mit "Erdstallähnliche Objekte in Böhmen in einer Sandsteinburg". Lutz kommt aus Sachsen, genauso wie Roland Winkelhöfer, der über "die Anwendung von Geleuchten bei Bau und Nutzung der Erdställe" referierte. Soll ich die tatsächliche Bemerkung eines Teilnehmers hier wiedergeben? Manche Leute fühlen sich ja scheinbar bis ihre innerste Wurzel getroffen, sobald sie in einer kleinen Nebenbemerkung von mir in so einem Text, vielleicht etwas "Kritisch" geschrieben wurden? Ich wage es mal. "Die Schratzn verstehen kein Sächsisch. Deshalb gibt es dort auch keine Erdställe."
Bislang sind in Sachsen noch keine "Erdställe" im klassichen Sinne bekannt, aber die Zukunft wird es zeigen.

Der Blickwinkel schwenkte nach Österreich, wo von Heinrich Kusch von seinen neuesten Forschungen in der Südsteiermark berichtet wurde. Dort sind es Objekte, die von den Menschen vor Ort als "Wasserstollen" oder "Frauenhöhlen" bezeichnet werden. Nimmt man ein anderes Wort in den Mund, trifft man auf Unverständnis. Trifft man aber auf das "Zauberwort", dann lösen sich die Zungen und die Funde fließen.
Edith Bednarik ist eine andere tragende Säule, ein anderer "cornerstone", der Erdstallforschung. Ihr Vortrag war mit "Bericht über ein neues "Erdställchen" übertitelt, aber am Ende ein Rundumschlag über die Erdställe südlich der Donau in Niederösterreich wurde, der in einem winzigen Gangstück in einem 100igen Erdstallfragment am Ende eines Bierkellers gipfelte. "Breathtaking".

Mittagsgenußessen. Ein Uhr antanzen am Bus zur Abfahrt Richtung Mitterschneidhard und Wutzldorf. Wer sich gerne von Vorgeplantem festhält und Erfolg an der Einhaltung von vorher festgelegten "Zielen" mißt, sprich "Erwartungen" erfüllt, der war hier fehl am Platz. Geplant gewesen war, den Erdstall "Höcherlmühle" und den Erdstall in Oberviechtach wieder zu besuchen, was aber organisatorisch nicht geklappt hat. Das "Ersatzprogrammm" war ein First-class-Ersatz.

Mitterschneidhart ist ein Erdstall, der aus der von Wimmer propagierten Schematisierung der Erdställe in die Typen A, B, C und D gleich rausfällt. Er weist Eigenschaften auf, die ich aus keinem anderen Erdstall kenne. Er hatte eine Luft, die mir, zum Zeitpunkt, als ich drin war, nicht mehr genug war. Ich bekam richtige Atemnot und kannte nur noch ein Ziel - raus an die Erdoberfläche. Auch andere haben mir erzählt, daß es ihnen an einer bestimmten Stelle so gegangen sei, an anderen Orten sei mehr "Luft" zum Atmen gewesen.

Südlich von Nittenau lag dann unser zweites Ziel, der Erdstall von Wutzldorf. Die geringe Größe der Anlage machte es möglich, innerhalb kurzer Zeit alle interessierten Besucher dort durchzuschleusen. Wesentliche Elemente eines echten Erdstalls sind da zu sehen und zu erleben, z.B.daß man sich bücken muß oder auf die Knie muß, um weiter hineinzukommen. Das Wetter, das auch für olympiche Götter nicht schöner hätte sein können, lud zum Lagern ein, zum gemütlichen Zeitvertreib, was natürlich unverwüstliche Erdstallerer auch noch für mehr oder weniger tiefschürfende Wortaustauschen nutzten.

Regine führte das Regiment und schaute, daß wir tatsächlich auch wieder pünktlich beim Abendessen in Strahlfeld auftauchen konnten. Auch hier mußte keiner mehr aufstehen. Seit dem "Gammelfleischskandal" gerade bei uns, wo sich die ganzen Unverläßlichkeiten der gerade regierenden Leute auch in meinem Magen spürbar machten (das Jahr zuvor hingen noch deren Wahlplakate an jeder Hausecke), kann ich eine "Wurscht" kaum mehr ohne schlechtes Gefühl verschlingen. Wurscht war jedenfalls genug da. Mit einem dunklem Weißbier gings dann schon runter.

Großes Abendprogramm: Harald Schaller berichtete über die Ergebnisse der Grabung in einem Erdstall in Oberviechtach, dann sahen wir wieder einiges von der Höcherlmühle, die Keramik, den Schlüssel, die Holzkohle. Die hard facts sind nun alle festgehalten, aber wo sind die soft facts? Da kommt für die "Wissenschaftler" "wild country". Da bringt das Wühlen in der Materie eigentlich nix. Und nun? Dann ergibt die Analyse die Zahl 1024. Was war da los? Man muß nur das Spiel mit dem Jahr "2006" und "Strahlfeld" machen. Was war da los? Über fünfzig Teilnehmer und über fünfzig Antworten!

Die "Münchner Gruppe" berichtete dann noch über drei Projekte: Doblberg, Altenmarkt/Osterhofen und Gaggers. Da ist so eine Speerspitze am Wühlen am Schlaf der Zeiten.

Irgendwann war auch für die Ausdauernsten Schluß. Nachtruhe. Morgenanbruch. Blauer Himmel überm Bayerischen Wald. Das übliche Frühstück mit Musikzwitscherbegleitung. Nach Regines Erkundungen bezüglich des nächsten Veranstaltungsortes, begann Dorothée Kleinmann mit "Unorthodoxen Gedanken zum Phänomen Erdstall". Am Wesentlichsten erschien mir den Gedanke, ob es nicht etwas auf dieser Erde gäbe, das einfach nur hervorbringt, etwas das einfach nur liefert und nichts zurück erwartet, schon gar nicht. Unsere Welt ist ja mit dem Netz der sog. "Ökonomen" so versaut inzwischen, die uns weismachen wollen, daß alles nur auf Tausch und Gegenwert beruht. Ein Mythos aus Neuguinea wurde bemüht, der so ein Weltverhältnis für keine angemessene Beschreibung unserer Welt hält. Der Erdstall - ein Symbol für eine andere Zugangsweise zur "Welt" - weit jenseits aller Rechenhaftigkeit, Logikgläubigkeit und Forderung nach "Widerspruchsfreiheit", vielleicht auch "Sinnhaftigkeit" für unser Tun?

Anton Haschner ist ja seit Jahren derjenige, der die Deutungsschiene für die Erdställe bearbeitet. Sein Thema war diesmal "Katakomben und Erdställe". Aufhänger war Sesselskulpturen in viereckigen Katakombengräbern und Taubenschlagnischen in den Grabanlagen in Rom. Ich habe nicht verstanden, was das mit den Erdställen z.B. im Bayerischen Wald zu tun hat, aber ich behaupte nicht, ein Experte auf diesem Sektor zu sein.

Wieder war es geschafft. Wir wissen immer noch nicht, warum es die Erdställe gibt, aber wenn das herausgefunden wäre, dann wäre es vorbei mit dem Erdstallrätsel. Könnt uns was Schlimmeres passieren?

Mitterschneidhart

Wutzldorf

Text im Internet vor der Tagung:

Wo sonst sollte wohl das nächste Treffen der Erdstallforscher stattfinden? Letztes Jahr waren wir dort - warum auch nicht im nächsten? Ein idealer Ort ist einfach gefunden. Und der Zeitpunkt paßt auch. Das letzte Wochenende im September. Sie wird weitergehen, die Suche nach dee Lösung für das große Erdstallrätsel.

Seit mehr als 30 Jahren trifft sich nun unser Arbeitskreis - aber das Geheimnis ist noch immer nicht gelüftet. Warum wurden diese im Grunde vollkommen unlogischen, aber wer weiß das schon wirklich wirklich, Anlagen in die Erde gegraben? Wir werden uns weiter fragen - neue Ergebnisse vorstellen, anderes wiederholen, Vergessenes wieder auffrischen, vielleicht wird ja auch so mancher Gedankenblitz auch mal ausgesprochen....

Jedenfalls trifft sich die Gruppe, verändert durch den Zugang von "Neuen" und durch den Abgang von "Alten", gerne wieder. Es bleibt spannend.

Der Termin steht fest: 22. - 24. September. Wer mehr über das voraussichtliche Programm erfahren will, der sollte im neuesten Erdstallheft das nachlesen, was schon geplant ist. An Exkursionen ist der Schießlkeller und Kühried vorgesehen. Für Langzeitbesucher der Erdstalltreffen alte Bekannte, aber warum sollte man immer nur einmal zu so einem Ort hingehen? Wer sie noch nicht kennt, für den sind sie sicherlich "Anstöße" zur Fragen, warum einmal Menschen in der Geschichte der Menschheit sich aufgemacht haben, um solche unterirdischen Bauten zu schaffen?

Ich glaube, daß wir die Antwort jenseits aller Erklärbarkeit im Rahmen der "Vernunft" suchen müssen. Andere nennen das Vorstoßen in den Raum der "Transzendenz". Aber die ist mit der "Wissenschaft" eigentlich nicht mehr erreichbar, zumindest wenn die sich darauf beschränkt, daß nur alles das "wirklich" ist, wenn es "meßbar" ist. Was nicht "meßbar" ist, das gibt es nicht - oder vielleicht doch? Man nehme nur die Worte "Leben" und "Lieben". Das "Leben" wird hauptsächlich dadurch erforscht, daß man "Totes" seziert, wenn es um "Lebendes" geht, siehe medizinische Forschung, dann arbeiten die "Wissenschaftler" nur noch mit "Wahrscheinlichkeiten", was im Grunde nur heißt, daß keiner mehr weiß, was "wirklich" die "Ursache" von "was" denn eigentlich ist. Und mit der "Liebe" - wer will die schon wirklich "wissenschaftlich" erfassen können? Die Zahl der Orgasmen ist es sicherlich nicht.

Es ist nicht damit getan, daß immer mehr Erdställe immer besser "vermessen", immer vollständiger "erfaßt" sind - mit immer genaueren Koordinaten, Plänen, Beschreibungen. Das ist gerade das Spannende. Die Antwort liegt wohl jenseits der "Zahlen", "Daten", "Fakten", im Bereich der menschlichen Psyche/Seele oder wie immer man den jenseits der Materialität spürbaren Innenraum des Menschen bezeichnen will.

Ich habe schon die Idee geäußert, daß wir in den Erdställen viel mehr auf deren akustische Qualitäten achten sollten - vielleicht führt das näher an das große Geheimnis, warum sie, von uns noch vollkommen unbekannten, Menschen einmal geschaffen worden sind. Und so mancher Raum in den Erdställen ist vollkommen "unvernünftig" gebaut worden. Das hätte oft viel einfacher, heutzutage sagen wir meist nur noch "schneller", gemacht werden können, aber DIE haben das nicht gemacht! Denen war was anderes wichtig! Wenn wir mit unserem "modernen" Denken denen nahe rücken wollen, dann sollten wir uns wohl auf diese Menschen auch "einstellen". Ich vermute mal, daß denen es überhaupt nicht wichtig war, wie "schnell" etwas entstanden ist. Das ist ja auch eine vollkommen der Erde entwurzelte Idee. Jeder Baum zeigt uns, daß was anderes viel Besser, weil "more sustainable" ist.

Ich fände es gut, wenn wir vom "Messen" mehr zum "Nachsinnen", "Nachdenken", "Nachspüren" kämen. Da waren einfach Menschen vor uns, die haben etwas in die Erde "gebuddelt. Haben die da eine "Botschaft" versteckt?

Gegen Ende des letzten Jahrtausends wurden von der Erde Botschaften ins Weltall geschickt. Eine Platte ist da drauf, eine Menschendarstellung von Leonardo da Vinci ist da drauf, eine Bachkantate mit Abspielgerät usw.. Da wurde von uns versucht, etwas aus unserer kurzen Erdperiode weiterzugeben. Haben das vor Hunderten von Jahren auch mal andere probiert? Das Riesenproblem ist ja, das auch wieder zu entschlüsseln. Da stehen wir nun und fragen uns, was es denn mit diesen Löchern in der Erde auf sich hat.

Wir wissen es nicht - und das ist ja gerade das Faszinierende. Das Geheimnis. Die besten Geschäfte lassen sich damit machen, daß man diese "Geheimnisse" enthüllt. Vielleicht für 20 € in einem Buch, das über AMAZON überall zu kaufen ist.

Das waren Meister, die ihre Geheimnisse im Innern der Erde so gut verstecken haben können!

Die Suche geht weiter!

  Einladung zur Tagung, Der Erdstall Heft 32, 2006
Karner, Lambert Künstliche Höhlen aus alter Zeit, Wien 1903
ohne Verfasserangabe Ein Siphon an der tiefsten Stelle - Forscher nahmen Erdstall in Mitterschneidhart unter die Lupe - 7. Jahreskongres, Chamer Zeitung 27. September 2006

 



http://www.erdstall.de

http://www.lochstein.de/erdstall.htm

http://www.kloster-strahlfeld.de/


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