Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle



Nach der Geburt seines Sohns Martin wurde Gerhard Polt, einer unserer besten zeitgenössischen Literaten, immer wieder gefragt, ob er denn nicht ein Fotos von ihm dabei habe. Seine Antwort: "Ich brauche kein Foto von ihm, weil: Ich kann ihn mir merken! Wenn Sie wollen, beschreibe ich ihn.'"
(Süddeutsche Zeitung Nr. 266, 18./19. November 2000, S. 21)


Vielleich kann das ein Gerhard Polt, sich eine "Höhle merken", und sie durch Worte vor uns lebendig wieder erstehen zu lassen. Ich kann es nicht. Ich folge noch immer dem Satz, daß ein Bild mehr als 1000 Worte sagt. Und das tun auch, glücklicherweise, noch ein paar mehr, so daß wir seit mehr als 20 Jahren schon die jährlichen HÖPHOs gehaltvoll füllen können. Wobei natürlich für einen Gerhard Polt, der einmal eine Höhlentour beschrieben hätte, auf unseren Treffen, nun wirklich alles gesprochen hätte. Weit weg hätte er ja nicht gewohnt, in der Nähe vom Schliersee, vom 2001er Treffen, das zum zweiten Male bei den Spötzls in der Nähe von Wasserburg vom 30. März bis 1. April 2001 stattfand.

Der Frühling war gerade am Ausbrechen, allererste grüne Spitzen zeigten sich an den vom Winter geleerten Zweiglein der Büsche und Bäume, als wir zwei, Otto Schedel und ich, uns auf die kurze Reise in Richtung Wasserburg machten. Auf dem Autobahnnordring um München war glücklicherweise kein Stau, so daß wir zügig vorwärts kamen. An der Abzweigung von der Straße bei Steppach Richtung das vereinzelt liegende Gehöft der Spötzls stand wieder ein handgemaltes HÖPHO-Schild, der ausgestopfte Höhlenforscher wies wieder der Weg zum Hof, eigentlich alles so, wie schon im letzten Jahr. Wir waren unter den ersten Teilnehmern, die eingetroffen waren, der Parkplatz war noch ziemlich leer, füllte sich aber schnell nach und nach. Gitti und Alois waren schon intensiv am Werkeln, der Kaffee dampfte, ein Tisch quoll fast über von Blechen voller Kuchen, hier brauchte wirklich keiner zu hungern. Der Raum um den großen Holztisch im Aufenthaltsraum wurde allmählich knapper, die Leute rückten allmählich mehr zusammen, der Geräuschspiegel stieg an, die Schar der Kinder wurde auch immer größer, allmählich entwickelte sich etwas Stimmung. Eine Reihe frischer Gesichter war zum ersten Mal zu dabei, wir lernten uns langsam kennen beim Warten aufs Abendessen, ein Abstecher in den im ersten Stock gelegenen Aufenthalts- und Projektionsraum im ehemaligen Stadel zeigte die vorzügliche Eignung der Räumlichkeiten für unser Treffen. Viel haben die Spötzls und die Chiemgauer Höhlenbären hier bearbeitet und nun ist hier ein ansehnliches Zentrum für Begegnungen entstanden. Leise Ambientmusic schwebte im Saal, zwei Kinder hockten wie die Äffchen mitten im Raum auf den Dachbalken, angenehm warm war es vom angeheizten Holzofen. Die große Leinwand war noch nur leuchtweiß, die Bussitze erinnerten noch immer an den Fahrgastraum einer Boing.

Um halb Sieben gabs Abendessen. Ein Riesentopf mit Chili con Carne kam auf den Tisch. Wer lieber Gemüselasagne wollten, konnte sich damit seinen Hunger stillen, Getränke aller Convenience standen traglweise herum, und jeder konnte sich selber bedienen. Alles passierte in einer vertrauensvollen und freundlichen Atmosphäre. Das Licht draußen verschwand allmählich draußen, langsam wurde es ernst. Ein immer stärker werdenderer Drang nach droben war spürbar, der Projektionsraum füllte sich, man hörte Diasortiergeräusche, Klappen von Diaboxen wurden auf und zu geklappt, das Einschalten des Projektors, auf ging es zur Reise in die Vergangenheit. Traditionsgemäß schauten wir uns zuerst die Bilder vom letzten HÖPHO an, das ja so ein großer Erfolg gewesen war. Am einprägsamsten waren wohl die Bilder von der Durchkriechung des Lochsteins in St. Wolfgang bei Altenmarkt und die Gruppenaufnahmen der Teilnehmer mit den 3-D-Brillen auf der Nase. Günther, Tom und ich gestalteten diesen Part. Dann ging es richtig los. Stange um Stange (50 bzw. 100 Dias) wurden in die Projektioren gesteckt und durchgedrückt. Ich zeigte neue 6x6 Dias aus dem Französichen Jura (Borne aux Cassot), Stefan Lang zeigte von der selben Tour seine makellosen Produkte. Reinhard Kieselbach ergänzte diese Bilderschau auch noch mit Dias von früheren Touren in seine "Leib- und Magengegend". Klaus Volk hatten in seinem Archiv nach Sehenswertem gesucht und Schmankerl aus Frankreich, aber auch z.B. den USA, mitgebracht. Erfreulicherweise waren auch mal ganze Neue da, und sofort bekam man etwas in den Bildern von Andreas Schober ein ungwohntes Flair zu spüren. Höhlen auf der Schwäbischen Alb, dem Schwarzmooskogel, aus der Gegend von Montpellier, gleich lohnte es sich, die Augendeckel etwas länger oben zu halten. Gegen 11.30 war dann Schluß. Genug der visuellen Unterhaltung.
Im Aufenthaltsraum unten ging es weiter. Reinhard und Klaus hatten die Instrumente ausgepackt und gleich erklangen die uns ja nun schon seit vielen Jahren vertrauten Lieder. Spät wurde es für manche, die letzten sollen um 4 Uhr in die Heia gekrochen sein.

Der nächste Tag begann mit Kaiserwetter. Frische Frühlingsluft, ein bißchen Morgenkühle, Kaffeeduft überall, ein übervoller Frühstückstisch, ein Berg von Semmeln, so ließ es sich gut leben. Gegen 9.30 Uhr war Aufbruch zu unserer Exkursion in Richtung Siegsdorf. Die den Standort Wasserburg sprach vieles, nur eines gibt es halt dort nicht - Höhlen, was natürlich ein großer Standortnachteil ist. Aber der Günther entwickelte ein bißchen Fantasie und schlug uns einfach vor, das Natur- und Mammutmuseum in Siegsdorf zu besuchen, keine schlechte Idee. Die Führung durch die kundige, geduldige und lebhafte junge Dame war recht informativ und kurzweilig. Besonders der Schar Kinder (das müssen mindestens 12 gewesen sein), die dabei war, dürfte das Ganze sehr gefallen haben. Bemerkenswerterweise wurde gerade die Wanderausstellung des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher über Höhlen aufgebaut und wir konnten einen ersten Blick in die Kellerräumlichkeiten tun. Alles war schwarz angstrichen worden, schwarz eingefärbte Tücher teilten den Raum, ein künstliche Gipslandschaft entsteht da langsam. Durch das Schwarz kommt ein bißchen Grabesatmosphäre auf, aber vielleicht bekommen die das doch noch gut hin. Am Ende erstand so mancher Pappi für seine Sprößlinge ein Spielzeugmammut, entweder aus Plastik oder Plüsch. Der ganze Troß strebte dann der Alten Post zu, wo wir uns dem Mittagsmale widmeten. Es durfte ruhig etwas kleiner ausfallen, hatten wir doch die große Erwartung eines prima Abendessens im Spötzlhof. Die Gruppe staltete sich hinterher. Die einen wollten gleich zurück, sich vielleicht noch ein bißchen erholen wollend von den Strapazen der letzten Nacht, die anderen strebten dem Wasserloch beim Weitsee in der Nähe von Insell zu. Unserer Erwartungen wurden voll erfüllt. Die Schneeschmelze auf dem Plateau darüber war im vollen Gange und so entströmte dem Eingangsportal ein kräfter klarer Bach. Ein schöner, sehr besuchenswerter Ort. Eine Stunde Rückfahrt hatten wir vor uns, dann hatten wir den unbeteerten Fahrweg zum Spötzlhof wieder unter den Reifen. Ein paar Münchner waren noch gekommen, aber kaum Chiemgauer. Im Gegensatz zum Vorjahr, wo sie in Scharen vertreten waren, blieben die meisten diesmal zuhause. Wir hatten uns schon darauf eingerichtet, daß es richtig eng werden würde, aber so weit kam es dann doch nicht. Immerhin sind wir um die 40 Erwachsenen und 15 Kinder gewesen. Das war ein ausgezeichneter Besuch!

Schweinebraten mit Semmelknödel und Krautsalat gab es. Erstklassig gekocht, à la point serviert und einwandfrei schmeckend. Zuvor hatten wir uns noch beim Gemüsegärtlein der Spötzls im Abendlicht versammelt, um das obligatorische Gruppenbild zu machen. Wahrscheinlich sind da ein paar abhanden gekommen, aber bei der Masse kann das schon vorkommen. Mit gefüllten Mägen begann dann gegen 8 Uhr abend die Soirée. Bilder vom feinsten aus der deutschen Höhlenfotographenküche. Unsere Leitthemen waren "Boote" und "Raumformen und Höhlenprofile". Dazu wurden von den unterschiedlichsten Fotographen sehr treffende Beispiele an die große Leinwand vor uns projeziiert. Zwei Vorträge blieben wir vor allem in Erinnerung: Manfred Kornherrs bekannt gekonnte Dias, untermalt mit der Musik von Peter Green und vor allem Mark Knopfler. Da konnte man dahinschmelzen. Und die Schau von Angela und Stefan Lang. Das war Bilderpoesie pur: 6x6 Dias aus der Fränkischen Schweiz von der Obefläche und vom Untergrund, ineinander verschmolzen, begleitet von Klavierklängen. So etwas Feines ist nur sehr selten zu sehen und zu hören gewesen bislang. Stefan beklagt schon seit langem, daß auf den HÖPHOs so wenig Diskussion, Kritik und theoretische Anregung passiert. Ich begab mich einmal in diese Lücke und unternahm ein Recycling meines Vortrags vom 2001er HÖREPSY-Treffen über den "Sehsinn und die Höhle". Anhand von zwei Grundkategorien des Sehens, der "Bewegung" und der "Form", stieg ich tiefer sowohl theoretisch als auch anschaulich mit Höhlenfotos in diesen Themenbereich ein. Nächstes Jahr gibt es Teil 3 mit der "Farbe" und dem "Raum". Gegen Mitternacht verschwanden immer mehr Zuschauer nach unten und erholten sich von dem Bildersturm unten im Aufenthaltsraum. Musik gab es keine mehr an diesem Abend. Zu erschöpft waren viele schon. Eine kleine Schar Unentwegter trauten sich noch in die Sauna und kosten diesen Teil des Spötzelschen Vergnügungsparks auch noch aus.

Der nächste Morgen begann gleich mit einem Berg frischer Semmeln, geholt vom Hausherrn aus Wasserburg, und mit eine Strauß schöner Blumen für die Hausherrin, eigens organisiert von Otto Schedel. Eine schöne Geste. Gegen 10 Uhr gab es noch eine letzte Diasession. Ich zeigte noch 70 Bilder zum Bootethema und Günther schloß dann ab mit einem Potpoorri seiner ***Personen- und Portraitaufnahmen von Höfos. Das Wetter war wieder ausgezeichnet, wir wollten nun hinaus an die frische Luft und hinein in den Frühling. Ein schönes HÖPHO war wieder zu Ende und alles war gut verlaufen.

Literatur:

Lang, Stefan HöPho 2001 - Speläokino-News aus dem Chiemgau, GUT SCHLUF 52-Juli 2001

Links:

http://www.lochstein.de/ver/hp/hoepho.htm


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