Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Imagna 2005


Höhlen im Val Imagna


3000 "Höhlenforscher" auf einem Fleck? Wer nur deutsche Verhältnisse gewohnt ist, für den ist so eine Vorstellung wohl unvorstellbar. Bei unserem EU-Partner Italien gibt es das! Die inzwischen zur Tradition gewordenen alljährlichen Feste haben sich zu einer Lawine entwickelt, die heute in dieser Dimension existiert.

Ende Oktober 2005 war es im Val Imagna, nördlich von Bergamo, wieder soweit. Am Südrand der Alpen gibt es ein sanft in den Kalk eingeschnittenes Tal, das auch noch einige beachtliche Höhlen aufweist. Und im Herzen davon fand dieser einmalige Event statt.

Der Baedecker-Norditalien hat nicht mal ein Stichwort für den Ort übrig, wo es stattgefunden hat, Sant'Omobono Terme.

Wir waren dabei. Alfred und ich. Wir kamen bei Dunkelheit schon an, fanden nach einigem Hin- und Herfahren endlich den offiziellen Parkplatz in einem großen Holzverarbeitungsbetrieb, nach einem vergeblichen Versuch das Festzelt zu betreten, dann auch das Tagungsbüro, weil die Hinweisschilder für uns viel zu klein geraten waren. Aber irgendwie haben wir uns dann doch zurecht gefunden. Jeder von uns bekam ein Plastikbändchen um den Arm geschlungen. Ich hatte die Nummer 1842 und da sind sicherlich noch ein paar mehr Leute hinterher gekommen. Die Schätzung, daß es 3000 werden würden, war sicherlich nicht zu hoch gegriffen.

Es war nicht mehr viel sonst los gegen 20 Uhr in Sant'Omobono mit Ausnahme eines Platzes - der war hell erleuchtet und deshalb von allen Richtungen her gut sichtbar. Die Leute strömten darauf zu. Es war wie bei einem Volksfest. Strategisch günstig war davon ein Platz gestaltet, wo sich ortsansässige Handwerker und Händler präsentierten und ein optimales Ambiente damit hatten, um ihre Produkte und Dienstleistungen los zu werden.

Wir erreichten zum zweiten Male die Bierzelte, wurden diesmal eingelassen, und standen mitten in einer Riesenfete. Karneval, Fasching, Chaos, Feststimmung. Viele italienische Höhlenvereine hatten Stände aufgebaut, wo sie ihr kulinarisches Angebot auf mehr oder weniger lautstarkte Weise versuchten an Mann und Frau zu bringen. Auch vom Verein für Höhlenkunde in Obersteier waren ein paar Leute da und von den Nürtingern - die "ausländischen" Exoten, die aber auch lebhaft angenommen wurden. "Höhlen" kamen da nur ganz am Rande vor, die eine oder andere Gruppe hatten ein Tropfsteinposter im Hintergrund an die Wand genagelt, eine andere hatte eine Powerpointpräsentation von einer Höhlentour im Hintergrund laufen, es wäre auch sehr gut ohne gegangen. Andere arbeiteten da mit viel direkteren Reizen. Der Höhlenverein von Rom schoß den Vogel ab: eine lasziv sich räckelnde Nackte dominierte optisch den Stand. Unter den optischen Reizen war eine komplette gebratene Sau zu haben und wurde portionsweise verkauft. Karst und Küche in höchster Vollendung. Schmankerln aus Triest neben solchen aus Sardinien, aus Bergamo, aus.... Bier, Wein, Kartoffeln. Und das auf höchster Lautstärke. Aber und zu eine Rockband, auch von den DOORS was spielend. Besinnliche Gespräche waren auf diesem Lärmlevel nicht mehr möglich.

Gab es da irgendwo noch ein Abendprogramm mit Vorträgen, Diaschauen, Filmen? Wir haben jedenfalls nichts mitbekommen, zogen irgendwann hinaus auf den großen Parkplatz, umringt von Wohnmobilen, schliefen fast unter freiem Himmel, sternenumfunkelt.

Am nächsten Morgen ging es zuerst mal ins Cafe. Draußen verkündeten Poster mit einem Höhlenmotiv, daß gerade im Ort IMAGNA 2005 am Laufen war. Eine SPELEO-PIZZA wurde angeboten, der Raum war voller mehr oder weniger wieder intakter "Speleos", Cappucinos wurden in den Rachen gekippt, frischeste Hörnchen von der Theke geholt, über der eine Weihnachtskrippe in einer Baumhöhle zu sehen war. Alte Fotos aus früheren Zeiten hier waren an den Wänden, eines davon zeigte ein Höhlenheiligtum - ob wir das auch noch zu Gesicht bekommen würden.

Wir zogen zum "Segretaria" und schauten uns mal um. Mehrere Kleinbusse waren da, Leute mit vollgepackten Schleifsäcken schienen sich anzuschicken, auf Höhlentour zu gehen. Wo war das Angebot? Wir konnten irgendwie irgendwo nicht mitbekommen, was denn eigentlich offiziell geboten war. Neben dem Segretaria eine alte Kirche. Wir traten ein und sahen, daß sie nun als Projektionsraum für 3-D-Fotos genutzt wurde. Ein Zettel am Eingang zeigte, daß das erst wieder abends der Fall sein würde.

Wir zogen weiter. In einer Schule an der Hauptstraße eröffnete um 9 Uhr eine große Speläoausstellung. In vielen Klassenzimmern hatten die verschiedenen Gruppen Gelegenheit, ihre Sachen zu zeigen. Bilder, Texte, Objekte. Am besten gefiel mir ein Raum, der nur mit Höhlengemälden gefüllt war. Ein kleines Gespräch, gleich stellte sich heraus, daß die Künstlerin gerade nicht anwesend war, ihr Mann vertrat sie. Herrliche Sachen waren hier ausgestellt. Den Kontakt lasse ich nicht kalt werden....

Gleich nebenan waren das Händlerzelt. Auf kleinstem Raum waren die verschiedenen Anbieter von Höhlenausrüstung zusammengepfercht. Das zwang zur Preisdisziplin und wohl so mancher hat günstig dort eingekauft. Einen Schlaz für 60 € - nicht schlecht.

In einer weiteren Schule waren die Buchhändler beisammen. Auch da waren Vergleiche und damit kleine Einsparungen möglich. Außerdem waren da auch weitere Ausstellungen: über Jules Verne und die Reise zum Mittelpunkt der Erde, über Höhlenschutz usw.. Im Keller fanden Diaschauen und Powerpointpräsentationen statt. Am hellichten Tag bei schönstem Wetter - nicht besonders reizvoll für mich.

Ein weiterer Veranstaltungsort war noch das örtliche Kino, wo bis zu 400 Personen gleichzeitig was sehen konnten, z.B. die abendliche Schau über die Forschung in der Spluga della Preta-Höhle.

Hinter den Festzelten lag das Gebiet, wo sich die italienische Höhlenrettung massiv zeigte und eine große Ausstellung organisiert hatte. Da war zu sehen, daß geklotzt und nicht gekleckert wird. Da fließt Geld hinein und entsprechend ist da auch was an Hardware herzuzeigen - Zelte, Autos usw... Noch weiter hinten war die große Zeltstadt. So weit das Auge reichte, nur kleine Kuppelzelte, die Kurzzeitheimat der vielen Festbesucher.

Abends wieder großes Treffen im Zelt. Alfred und ich begegneten 6 französischen Forschern aus Toulouse, schon von außen leicht verkenntlich an der allen gemeinsamen Baskenmütze. Ein paar Prosts und schon war Gemeinschaft entstanden. Sogar einen gemeinsamen Bekannten hatten wir, Philippe Crochet, so klein ist doch die Welt. Und dann kam auch noch der Vorstand des Höhlenvereins von Nuoro - wir waren schnell eine große kleine Gruppe, die sich einfach "verstand", auch jenseits aller Sprachbarrieren. "Melting pot" nennt sich so etwas auf englisch. Das ist dieses Fest. Wir fanden den Weg zurück.

Am nächsten Morgen noch ein Cappucino im Cafe, dann Abfahrt Richtung Cinque Terre. Ein starkes Erlebnis war es, unvergeßlich, wie immer.

 

Das Tagungsbüro am Abend
Dort wurde jeder markiert

- ich hatte die Nummer 1842

Das große Festzelt bei Nacht

Ein ganzes gebratenes Ferkel

Der "Weinschlund"

Der "Spaghettischacht"
2 große Bierzelte gleich nebeneinander

- voll gefüllt mit Speleos

Am nächsten Morgen als erstes ins Cafe
Schon am Eingang: ein Höhlenplakat

und Werbung für die "PIZZA SPELEO"

Im Cafe: eine Baumhöhle mit Kripperl drinnen
Ein moderner Diogenes
Morgenstimmung auf dem großen
Campingmobilparkplatz
Die "Segeteria" am Morgen
Blick auf die fahrbereiten Busse für die
Exkursionen
In der Schule: große Ausstellungen
Eine Ausstellung über Athanasius Kircher
Eine Ausstellung über Höhlenforschungen
in der Spluga della Preta
Etwas unscharf geworden
Auch die Kinder in der Schule hatten
sich wohl im Kunstunterricht mit der
"Höhle" beschäftigt
Im Zelt der Ausrüstungshändler
Noch eine Schule, die für den Kongreß
benützt wurde
Hier wurden Bücher angeboten

- Urs Widmers Speleo Projects-Stand

Am Kindergarten - ein Baumhöhlenbild
Die Höhlenrettungsausstellung
Das Plakat zeigt keine von der Decke
hängenden Stalaktiten sondern Würste!
Pizza gibt's da!
Speleos aus Toulon
Karst und Küche -

Höhlenforscher im Verdauungstrakt

wenigstens auf dem Shirt

Sarde aus Nuoro und Südfranzösin aus Toulon
beim Prosten

- Wein gab es genug

Manchen störte nicht mal der chaotische Lärm
im Zelt mehr

 

Literatur:

   

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