Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Tischoferhöhle, Tirol, A


Abstraktes Bild aus der Höhle, 19.11.2003


Mittwoch, 19. November 2003. Ein Traumtag in den Bergen. Strahlender Sonnenschein über dem Wilder Kaiser. Buß- und Bettag war heute, deswegen hatten in Bayern alle Schulen zu und ich die Gelegenheit, mal wieder einen Tag in der freien Natur zu verbringen. Das ist wichtig, um gesund zu bleiben. Als Lehrer kriegst heute soviel Scheiße ab, daß man immer öfter einfach abschalten und raus muß aus unserer kranken Zivilisation.

Am Parkplatz bei Kufstein wird man als erstes 2 € los, um sein Gefährt dort stehen lassen zu können. Dann geht es die vielen Stufen hinauf (236 sollen es sein) bis zu einem Parkplatz. Ja, Parkplatz. Wie hierher Autos und Motorräder gekommen sind, das wundert erst einmal, weil vom Tal her keinerlei Straße hochführt! (Mit dem Hubschrauber seien sie hochgebracht worden, oder in Einzelteile zerlegt über den Stufenweg). Eine dreiviertel Stunde etwa geht man, eh nach rechts ein schmales Weglein abzweigt, nur schlecht sichtbar mit einen Schild markiert. Steil und rutschig geht es zickzack nach unten, fast schon wieder bis zum Grund der Bachschlucht. Dann zweigt von da wieder ein Weglein ab, markiert mit einem angejahrten Schild. Gleich drauf beginnt ein mit einem Drahtseil gesicherter Steig, der vollends bis zum 16 m breiten und bis zu 7 m hohen Höhlenportal führt. Fast zu übersehen ist die kleine Hyänenhöhle kurz vorher.

Am Eingang der mit der Nummer 1312/001 im Tiroler Höhlenkataster geführten Höhle ist heute ein Sitzbankerl, eine Erinnerungstal und kleine Felsmalereien, wohl von Kindern. Durch den weiten Höhlentunnel kann man unschwierig 40 m bis ans Höhlenende steigen. Licht dazu ist nicht notwendig. Am eindrucksvollsten ist der Blick aus dem Eingang hinaus in die Schlucht.

Viele sind von dem Besuch dieser Höhle eher enttäuscht, weil nicht viel zu sehen ist. Was alles hier passiert ist, das verleiht diesem Ort eine besondere Würde.

Die Reste von 380 Höhlenbären hat man hier gefunden. Außerdem wurden Knochen von Löwen, Wölfen, Füchsen, Hyänen und anderen Tieren ausgegraben. Als man ihr Alter untersucht hat, kam man auf 30.000 Jahre. Einige Forscher wollen in bestimmten Höhlenbären- und Höhlenlöwenknochen vom Menschen hergestellte Geräte erkannt haben, womit sie einen Rastplatz von Jägern aus dem frühen Aurignacien hier ausgemacht haben wollten. Solche Aussagen finden sich in jüngeren Publikationen nicht mehr.

Für die Zeit von 1800 bis 1450 v. Chr. ist die Anwesenheit von Menschen durch den Fund von Geräten und Schmucksachen gut belegt. Von 30 bis 35 Personen hat man die schlecht erhaltenen Skelette entdeckt (2 Männer, 7 junge Frauen, 17 Kinder und Jugendliche). Warum die dort waren, keiner weiß es. Ein uralter Begräbnisplatz, ein Unglück, eine Kriegsfolge?

Die Funde legen den Schluß nahe, daß sich hier in der Frühbronzezeit eine Kupferschmiede bzw. eine Bronzegießerei und eine Keramikherstellung befunden hat. Warum man sich einen so entlegenen und gar nicht so leicht erreichbaren Ort dafür ausgesucht hat, das ist auch ein Rätsel. Als man die Metallstücke untersucht hat, konnte man herausfinden, daß das Material aus dem uralten Bergbaugebiet von Schwaz-Brixlegg mit größter Wahrscheinlichkeit stammt. Woher man das Zinn für die Herstellung der Bronze genommen hat, keiner weiß es. In der nahen Hyänenhöhle fand man Tondüsen, die zum Anfachen und Lenken des Feuers verwendet wurden, eine technische Einrichtung, die man auch in Vorderasien um diese Zeit schon verwendet hat. Die gefundenen Keramikfragmente werden in die Frühbronzezeit datiert und der Straubinger Kultur zugeordnet.

Im Jahre 1607 taucht die Höhle auf einmal wieder in alten Zeugnissen auf. Der Kufsteiner Schloßhauptmann Carl Schurff habe dem Landesfürsten von der Höhle berichtet und ihm den Knochen eines Riesen als Beweisstück geschickt.

Einige Sagen kreisen um diesen Ort. Geheimnisvolle Schätze würden sich darin verbergen, sie sei ein Schlupfwinkel (in der Tat, wer nicht weiß, wo sie liegt, wird sie wohl kaum finden) und ein Hexentanzplatz.

1809, in der Zeit der Napoleonischen Kriege, scheint die Höhle eine wichtige historische Rolle gespielt haben. Die aufständischen Bauern hätten sich dort versammelt, hätten auch gelegentlich dort ihr Schießzeug versteckt. Der Ausdruck "Zum Tisch oba" sei richtig zu einem stehenden Ausdruck geworden, der zum Verstecken der Waffen oder zum Ergreifen der Waffen aufgefordert habe.

1860 untersuchte der Geologe Pichler den Ort, um 1900 grub ein Förster nach Schätzen, fand aber nur "Knochen". 1906 begannen Mitglieder des Kufsteiner "Historischen Vereins" mit systematischen Grabungen, die dann auch Prof. Wieser aus Innsbruck und Prof. Schlosser aus München weitergeführt wurden. 1907 hörte man wieder auf, auch weil im selben Jahr Schul- und Lehrbuben in den mit Drahtzaun gesicherten Höhlenraum schon eingebrochen waren und mit Pickeln und Schaufeln nach Knochen gesucht hatten. Das menschliche Verhalten hat sich nicht geändert und wird sich auch nicht. Im Jahre 1920 untersuchte die staatliche Höhlenkommission die Höhle, ob sich die Sedimente nicht als Düngemittel eignen würden. Das Ergebnis war negativ, aber man machte prähistorische Funde und entdeckte eine uralte Feuerstelle. 1949 besuchte Czoernig aus Salzburg die Höhle und zeichnete einen Plan.

Wo die roten Pfeile hindeuten, dort liegt die Höhle

Das Bild links wurde von der Vorderkaiserfeldhütte aus aufgenommen - ein Bild aufs Inntal

   
  Das letze Wegstück zur Höhle
Der Eingang
  Die Erinnerungstafel am Eingang
Zeitgenössiche Höhlenkunst
   
Blick nach innen und draußen
Eingang Hyänenhöhle  

Ein Fotoexperiment:

 

 
Blick nach oben und unten und links und rechts und nach vorn
und hinten
 

 

Beim abendlichen Abstieg - ein Blick auf den Pendling

Blick auf die Eingangsregion von der Naunspitze



Literatur:

Kuntscher, Herbert

Höhlen - Bergwerke - Heilquellen in Tirol und Vorarlberg, Steiger Verlag, Berwang 1986
Büchel, Victor Tischoferhöhle bei Kufstein, Die Höhle
Kuntscher, Dr. Herbert Tiroler Höhlen in Sage und Volksmeinung
Schosser, M. Die Bären- oder Tischofer Höhle im Kaisertal bei Kufstein, München 1909
Menghin, Osm., Kneussl, W. Die Tischofer Höhle, in: Tiroler Heimatblätter 42, 10/12, 1967, S. 113-133

Links:

http://www.oeaw.ac.at/praehist/palaeo-proj/palproj-literatur-eins.html

http://www.hoehenrausch.de/berge/pyramidenspitze/index.php


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