Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Höhlen am Königsee


Südlich von Berchtesgaden liegt zwischen Watzmann und Hagengebirge der Königsee, ein Highlight der unserer Berge. Im Süden wird er begrenzt von den Steilabstürzen des Steinernen Meeres. 8 km ist er lang, bis zu 1,2 km breit und bis zu 190 m tief ist er.

Das Wasser, das ihn speist kommt natürlich von der Oberfläche der umgebenden Berge, aber auch zu einem guten Teil aus ihrem Innern. Besonders gut läßt sich dies erleben, wenn man mal in die Salzgrabenhöhle kommt, die im Simetsberg liegt, und wo man auf einen je nach Wetterlage mehr oder weniger starker Bachlauf stößt, der direkt in den Königsee entwässert.

Viel von dem Wasser der Watzmann-Ostwand fließt durch die faszinierende, aber wegen der bestehenden Einsturzgefahr nicht ungefährliche Eiskapelle, eine oft sehr eindrucksvolle Firnschneehöhle.

In der Nähe des Malerwinkels gibt es eine schon lange bekannte kleine Höhle, die Ursprung eines kleinen Bächleins ist und die gut 100 m lang ist. Die meiste Zeit ist man hier auf dem Bauche kriechend unterwegs, etwa 80 m lang bei einer Höhe von etwa 40 cm.

Eine sagenhafte Höhle im See ist das sog. "Kuchler-Loch". Dort scheint ein Teil des Königseewassers im Untergrund zu verschwinden und im Schwarzbachfall am Ostende des Hohen Gölls wieder zum Vorschein zu kommen - so jedenfalls die Legende, die den Besuchern, den "Fremdlingen" lt. Cammerer 1832, erzählt. Auch Gümbel zitiert es in seinem Werk "Geognostische Beschreibung des bayerischen Alpengebirges und seines Vorlandes, hrsg. v. k. bayerischen Staatsministerium der Finanzen, Gotha 1861". Durch den Bau eines Stauwehrs am Auslauf des Königssees hat man den Wasserspiegel angehoben. Das hat wohl dazu geführt, daß diese extrem seltene Naturerscheinung an der Oberfläche nicht mehr bemerkbar ist

Ab und zu ist der See zugefroren und dann ist etwas Ungewöhnliches möglich: Man kann zu Fuß oder auf Skiern oder mit dem Fahrrad oder auf dem Schlitten oder sonst noch was trockenen Fußes hinüber nach St. Bartholomä. Leute, die es mal mit dem Auto vor Jahren versucht hatten, bezahlten mit ihrem Leben. Das Eis gab nach und sie versanken in den Wassern des Sees.

Am 29. Januar 2006 war das mal wieder so weit und an diesem herrlichen Sonntag machte ich diese Tour mit Willi Adelung. Wir kamen gegen 11 Uhr fast beim Parkplatz in Königsee an. Dann brach der gesamte Verkehr zusammen bzw. kam zu völligen Stillstand. Der Parkplatz in Königsee war voll. Es ging nix mehr. Langsam fuhr ein Auto der Polizei der Straße entlang und forderte die Leute auf, ihren Wagen am Straßenrand abzustellen und zu Fuß den Rest der Wegstrecke zurückzulegen. Was für ein Glück für uns! Naturgenuß zum Nulltarif! Weit hatten wir nicht zu gehen. Wir passierten die Parkplatzmautstelle, rutschten auf eisigen Platten zwischen den Konsumtempeln am Seerand, wo gerade Salzlampen für 7,95 € der große Renner zu sein scheinen, hinab zum zugefrorenen See. Die Menschen strömten über den See, weit über die markierten Areale hinaus, die wohl noch vor Tagen die sichere Passage nur garantiert hatten. Nur bei der kleinen Insel mit dem Denkmal gleich zu Anfang der Wanderung war eine kleine Eisfläche noch frei, wo man das Wasser glucksen hörte. Danach war alles zugefroren.

Für einen "Höhlenforscher" wie mich war es spannend, mal am Rand des Sees entlang zu laufen und zu schauen, ob sich da nicht die eine oder andere Felsöffnung zeigte, die sonst nicht zugänglich war. Ein paar Felsnischen taten sich tatsächlich sowohl auf der Watzmann- als auch der Hagengebirgsseite auf. Einige habe ich nur aus der Ferne wahrgenommen, denn alle auf einmal abgrasen zu wollen, das wäre mir doch zu aufwendig geworden. Die Nischen waren gut für die Bildung von Eisfiguren, besonders Säulen. Hier zeigte sich gleich der Grundzug einiger Menschen, die wirklich nichts an ihrem Ort lassen können. Immer wieder sahen wir Kinder, die sich einen Spaß daraus machten, diese Eisformen herunterzuwerfen und zu zerstören. Besonders ein Vater fiel mir auf, der sich extra in den Hintergrund einer Felsnische begab und wie Kingkong seine Kräfte aufs Äußerste anzuspannen, um eine Eissäule mit Muskelkraft zu zersprengen, damit sie 1 m weiter unten dann in Stücke zerteilt auf dem Eis des Sees lag.

Auf der Watzmannseite

Ich hatte im Kopf, wenn es möglich war, zur Eiskapelle aufzusteigen. Gleich bei Bartholomä war tatsächlich eine breite ausgetretene Spur Richtung Watzmann. Schließlich zeigt dort ein gut sichtbares Holzschild Richtung "Eiskapelle", die eine Stunde nur entfernt sei. Hoffnung keimte in meinem Herzen, daß wir es schaffen würden. Die Spur dünnte sich aber zusehends aus, je näher wir dem Watzmann kamen. Schluß war es dann endgültig, als wir das Brückerl über den Bach, der von der Eiskapelle herkommt, überquert hatten. Das war kaum mehr wahrzunehmen. Mehr als 1 m Schnee begrub alles bis über den Rand des Geländers, so daß es ein ziemlicher Balanceakt war, da rüberzukommen. Bei der Kapelle war dann alles zu Ende. Hier hätte man durch jungfräulichen Schnee sich einfach vorwärtsackern müssen. Keiner war vor uns so "verrückt" gewesen, nicht mal Schneeschuhwanderer hatten das vor uns versucht. Wir kehrten um.

Auf dem Rückweg dann eine kleine Überraschung. Zwei Radler zogen an uns vorbei. Beide kannte ich. Christian Brack und Christian Kriesten waren auf "Forschungstour" unterwegs gewesen. Der Schleifsack lag auf dem Gepäckträger, Steigeisen und Eispickel im Frontkörbchen. Wen man nicht alles trifft.

Dir größte Überraschung wartete auf uns in den kleinen Felsöffnungen auf Seespiegelhöhe am Fuße des Hagengebirges. Die haben eine Größe, daß man sie "wirklich" vernachlässigen kann aus speläologischer Sicht. Mit einer Ausnahme: dem Kuchler Loch. Das hat eine Geschichte, die schon mehrere Jahrhunderte zurückreicht. Kein Wunder ist das. Es ist ja faszinierend zu sehen, daß Wasser plötzlich in einem Loch verschwindet - irgendwohin. Auf Kepholonia in Griechenland passiert das auf eine ganz unglaubliche Weise. Das fließt sogar das Meer in ein Felsloch! Wohin bloß? Und hier verschwand der Königsee. Die Hypothese war: Das Wasser kommt im Gollinger Wasserfall wieder zu Tage. Was davon zu halten ist, das steht in den Salzburger Höhlenbüchern. Was Kysalek 1825 noch mit dramatischen Worten beschrieben hat, da ist heute nicht mehr beobachtbar. Bei unserer Tour 2006 war an keiner Stelle so ein Wasserabfluß registrierbar - zumindest von der Oberfläche her. Was jedoch, unerwarteterweise, höchst eindrucksvoll war, das waren die kleinen Eisformen in den Portalen. Da hatten sich Hunderte von kleinsten Eiskristallen zu ganzen Bündeln zueinander gesellt und bildeten komplexeste Cluster, Eisstalaktiten hatten sich schon wieder von der Decke teilweise gelöst und hingen noch an minimalen Eisplättchen einzigartiger Form. Man mußte schon ganz nah hingehen, um das mitzubekommen, aber da hab ich Sachen gesehen, die noch nie irgendwo vorher vor mein Auge gekommen waren. Heute gibts die womöglich schon gar nicht mehr. Schon die kleinste Temperaturerhöhung - und weg sind sie.

 

   
 

Das gefällt mir so an diesen Gebilden - die Unverfügbarkeit für eine etwaige "Aneignung". All diese Mineraliensammler, die so gerne etwas mit nach Hause nehmen, vielleicht gar ihr "Geld" darin anlegen möchten, bei den Eiskristallen, da werden sie nur im Moment, wo sie sie sehen, ihre Freude haben können. Und "Muskelkraft" hilft bei ihrer Wahrnehmung auch nicht, es würde schon ein Atemhauch genügen, um sie wieder zum Verschwinden zu bringen. Und ein "Porsche" hilft schon gar nicht. Er könnte ja seinen Besitzer höchstens schneller dorthin bringen, aber angesichts der "Geschwindigkeit", die ja einzig für viele heute zählt, übersehen die alle einfach die vielen Schönheiten am Wege - gottseidank wohl, denn so gab es sich noch, als wir vorbei kamen. Wir waren bei einigen Stellen die "Ersten", leicht erkennbar an der ungestörten Schneefläche, die davor war. So sollen alle, die es eilig haben, auf ihren Spuren vorwärtsschleifen, die gerne zur Masse gehören wollen, auf ihren gesicherten Wegen ziehen, und die, die Muße sich gönnen und ihren Blickwinkel auf die Natur etwas weiter öffnen, die finden halt immer noch Fleckchen, die übrigends gar nicht so klein sind, wo auch für ein Blick ins "Paradies" möglich ist.

Literatur:

Cammerer, Anseln Andreas Caspar Naturwunder, Orts- und Länder-Merkwürdigkeiten des Königreiches Bayern für Vaterlandsfreunde, sowie für kunst- und naturliebende Reisende, Kempten 1832
Gümbel, C. W. von  Geognostische Beschreibung des bayerischen Alpengebirges und seines Vorlandes, hrsg. v. k. bayerischen Staatsministerium der Finanzen, Gotha 1861
Klappacher, Walter Salzburger Höhlenbuch, Band 2, Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg, Salzburg 1977
Kyselak,  Skizzen einer Fußreise durch Österreich, Herausgegeben von Gabriele Goffriller und mit einem Vorwort von Gabriele Goffriller und Chico Klein. Jung und Jung, Salzburg u. a. 2009, (Neuauflage des ungekürzten Originaltexts von 1829, begleitet von den Ergebnissen des Forschungsprojekts).
Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg, Gesamtredaktion Walter Klappacher und
Harald Knapzyk
Salzburger Höhlenbuch Band 3, Salzburg 1979
Lebling, Clemens Geologische Verhältnisse des Gebirges um den Königssee, München 1935

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