Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Calypso, die Höhlennymphe, und ihre (angebliche) Höhle auf Malta

Calypso's Cave, Gozo


"...in Wahrheit, so könnte man meinen, herrschen die Frauen in der Welt des Mittelmeers. Wie konnte Odysseus da überhaupt zum Helden werden?" Tobias Lehmkuhl, Odysseus

"Der einsame Mensch braucht die Insel als Spiegel." Billig, S. 23

"Er hatte die Insel wie ihren Körper - zu Ende entdeckt." Durs Grünbein, Kalypso


Wer, wie ich und meine Kinder, 1999 einmal die Republik Malta besucht hat, und dort sich alle Sehenswürdigkeiten anschaute, der wird auch auf die Calypsogrotte an der Ramlabay auf Gozo stoßen.
Kein Reiseführer läßt diese Exkursion aus. Im COLLINS Traveller "Malta and GOZO" heißt es etwa: "MARSALFORM .. Climb up the hill out of the town and follow the road to Calypso's Cave. This roadside site is easily missed but is the legendary place where Calypso (a nymph) kept Odysseus enchanted for seven years. On your own you can see very little but there may well be some enterprising 'guides' who will take you into the cave holding wax candles. As long as you're not clausstrophobic it's worth the effort. Your hosts will of course expect a tip. From here there is a marvellous view down onto Ramla Bay." p. 33

Vielleicht ist es besser für die Phantasie, das angebliche dortige Liebesnest von Odysseus und der Nymphe, nicht zu besuchen. Denn es nimmt viel von dem Phantasiebild weg, das wir uns alle machen, wenn wir diese uralte Geschichte aus dem ersten Gesang von Homers Odyssee mit ihrem "mouthwatering character" lesen.

Da heißt es in einer von vielen, manchmal im Detail ganz wichtigen sich von einander unterscheidenden Übersetzung:

"Als er zur Insel gelangte, der ferne gelegnen,
Trat vom veilchenfarbenen Meer er über aufs Festland,
Ging und gelangte zur großen Grotte, in welcher die Nymphe
Wohnte, mit schönen Flechten, und traf sie gerade darinnen.
Feuer loderte auf dem Herd, und über die Insel
Zog weithin der Duft der Scheite von Zeder und Harzbaum,
die da brannten; sie sang im Hause mit lieblicher Stimme,
Hin und her am Webstuhl ging sie mit goldenem Schiffchen.
Draußen war grünender Wald rings um die Grotte gewachsen,
Erlenbäume und Pappeln und duftende, dunkle Zypressen.
In ihren Zweigen nisteten flügelbreitende Vögel,
Käuzchen sowohl als Falken und zungenreckende Krähen,
Wasservögel, die immer ihr Werk am Meere verrichteten.
Dort rankte sich um die gewölbte Grotte ein Weinstock,
jugendlich frisch, mit prangendem Laub und strotzend von Trauben.
Und vier Quellen sprudelten dort mit schimmerndem Wasser
Nebeneinander hervor und rannen dann hierhin und dorthin.
Ringsum blühten da üppige Wiesen mit Veilchen und Eppich (Petersilie).
Ja, das würde auch ein Unsterblicher, käm er des Weges,
Voller Staunen betrachten und Freude empfinden im Herzen..."

 

 

 

 

 

Wo liegt dieser zauberhafte Ort? Wo die Quellen sprudeln, der frische Weinstock sich rankt und die dunklen, duftenden Zypressen stehen. Alles das ist nicht am Rande der Ramlabay zu finden. Es ist alles in den Touristenrummel einbezogen, Parkplatz, Klohäuschen, Verkaufsstände, geteerter Zugangsweg. nur wenige Meter unterhalb haben sich 2 Malteser ihre Villen hingebaut und alles mit großen Mauern und Betretungsverbotsschildern versehen. Vom Aussichtspunkt kann man allenfalls nach unten auf eine Gipscalypso blicken. Die Höhle ist gerade so groß, daß man sich gerade umdrehen und aufrecht stehen kann. Hier hat sich wohl nicht diese schöne Geschichte abgespielt. Denn Platz für ein schönes Lotterbett ist da schon allemal nicht, da ja auch noch ein "Herd" und der "Webstuhl" irgendwo untergebracht werden muß. Es war wohl doch wo anders.

Abstieg zu Calypso's Cave, Malta, unten wartet bereits ein junger Einheimischer, der einem weiße Kerzen gegen ein bißchen Geld anbietet
Blick auf die Eingangsfelsen mit der Calypso Cave, links schweift der Blick über die Ramla Bay auf Gozo
Michael in der Calypsogrotte

Thomas Lehmkuhl, der einmal der vermuteten Odysseusroute gefolgt ist und ein schönes Buch darüber geschrieben hat, geht auf die Höhle auf Gozo nur ganz kurz ein: "Dann ging ich wieder hinunter in den Ort und entdeckte auf einer Karte am "Independence Place", dass es auf Gozo eine "Grotte der Kalyso" gab - hm, hm, macht ich, da gab es eben verschiedene Gelehrtenmeinungen. Ich hatte mein Kalypsoerlebnis, meine Kalypsoinsel Lipari ja schon gehabt und beschloss, die gozoische Grotte aus Prinzip nicht zu besuchen." So kann man das Thema auf eine vielleicht sehr "deutsche" Weise auch erledigen durch Einführen von "Grundsätzen". (Lehmkuhl, S. 262) Auf Lipari stellt er sich die Frage: "Warum nicht sieben Jahre hier verbringen, wie Odysseus mit Kalpso, was spräche dagegen?" Und die spontane Antwort: "Nichts wie weg." Vom "Lagerkoller" schreibt er, dass es kein Wunder sei, dass er ihn bekommen habe. "Man sah ja von den Bergen die ganze verlockende Ferne, Vulcano, Panarea, sogar Sizilien, vor allem Sizilien. Wie ein unermesslicher Kontinent lag Sizilien im Süden. Und man selbst verschmachtete auf diesem winzigen Inselchen. Diesem Witz von einem Inselchen." (Lehmkuhl, S. 155) Der Blick ging offenbar wieder in die Ferne, die warme Nähe eines Frauenkörpers war nicht mehr im Blickfeld.

Ist die ganze Calypsogeschichte, genauso wie der Rest der Odysseuserzählung nur reine Fiktion oder gab es eine reale Grundlage für die Geschichte? Viele haben sich schon aufgemacht, sie zu suchen. Und haben z.B. spekuliert, wo denn diese Insel und die Grotte denn gelegen haben könnte.

Von Ogygia erfährt der Leser des Homerischen Epos nur wenig, aber das wenige ist schon sehr spannend: "eine ringsumflossene Insel, der Nabel des Meeres, baumreich ist die Insel". Seit Jahrhunderten und länger versuchen schon Menschen, die man früher oft als "Gelehrte" bezeichnet hat, sie auszumachen. Schon Strabon vermutete sie im Atlantik, dieser Hypothese schlossen sich andere fast an: Arthur Breusing sah in Madeira die gesuchte Insel, Richard Henning nannte Madeira oder eine der westlichen Kanareninseln. Vor allem im Mittelmeer wurde der gesuchte Ort vermutet: Philip Clüver hielt 1624 Malta dafür, dem stimmten auch Baglio (1958) und Bradford (1963) zu. Die Insel Pantelleria, südwestlich von Sizilien gelegen, wurde 1897 von Butler als möglicher Ort genannt. Bérard vermutete an der marokkanischen Küste das gesuchte Eiland, geleitet von der Atlassage und den "hohen Säulen", die in den Texten eine Rolle spielen. Er formulierte die These, daß es sich vielleicht bei der Insel Perejil um den rätselhaften Ort handele, den "Perejil" heißt übersetzt "Petersilie", eine Gewächs, das im Urtext eigens erwähnt wird, und es gibt dort eine hallenförmige Höhle von etwa 50 m Länge mit 4 Quellen! Andere haben schon angenommen, daß Lipari der gesuchte Ort ist, die kroatische Insel Mljet oder die griechische Insel Gavdos. Gavdos bezeichnet sich in der Eigenwerbung schon als "Insel der Kalypso", vielleicht ein wenig ins Vermutete oder Gewollte hineingreifend.

Auch von der weiblichen Hauptfigur erfährt der Leser der Odyssee wenig. "Mit schönwallenden Locken" findet er sie vor. Das ist alles, was wir an äußerer Beschreibung von ihr vom Autor bekommen. Den Rest müssen wir uns als Leser oder Zuhörer dazudenken, was ja ausreichend Raum für die eigene Phantasie und Projektion lässt. Sucht man nach dem Stammbaum von Calypso, so stößt man auf Atlas, der als Vater genannt wird, der "Riese, der im Westen das Gewölbe des Himmels trägt". Und die Mutter? Als "Madame X" wir sie einmal bezeichnet, die Atlas auch noch die Tochter Maera (ihren Schatten habe Odysseus gesehen, als er die Unterwelt besucht habe). Warum sie da ganz alleine auf der Insel haust, das wird nie thematisiert.


Das "Setting" dieser Geschichte war schon immer Anregung für Künstler. Ein paar ihrer Gemälde finden wir heute auch schon im Internet.

Im Kunstmuseum Basel gibt es eine Version Arnold Böcklin aus dem Jahre 1882, das die ganze Tragik der Geschichte vollendet künstlich wiedergibt (Besprechung dieses Bildes in dem Ausstellungskatalog zum Böckling-Ausstellung, Edition Braus, Heidelberg 2001, Auszug: "Der Künstler visualisiert den Beziehungskonflikt zwischen Odysseus und Kalypso, indem er das stumme Heimweh des Helden mit der aufreizenden Sinnlichkeit der göttlichen Nymphe konfrontiert. Die seelische Spannung zwischen Mann und Frau im Augenblick der inneren Loslösung bildet das tragische Grundthema." H.H.).

Durs Grünbein hat ein Gedicht über "Kalypso" geschrieben und veröffentlicht: In ihm heißt es ua.:

"..Sieben Jahre: Er wollte nur gehn.
Er hatte die Insel wie ihren Körper - zuendeentdeckt.
Es half ihr nichts, daß sie ihn pflegte, ihn in die Beinschere nahm,
Ihren Grottentaucher, zottelbärtigen Schwimmer, den Flottenbesten.."


Hier ließ sich der Gestalter der Fassade für ein Restaurant in Lagos / Portugal wohl von der Calpsogeschichte inspirieren

August 1987


Auf dem Oktoberfest in München 2015 gab es ein Fahrunternehmen, das sich als Thema "Odysseus und seine Fahrten" zum Leitthema gemacht hatte. Um die Leute anzulocken, gab es auf der Frontseite allerhand Szenen aus der Odysee zu sehen. Natürlich waren darunter auch erotisch Angehauchtes zu sehen - und wer soll wohl die oben herum ziemlich unbekleidete Dame sein, die da prachtvoll vor den Herumschlendernden darbietet? Mir fällt nur Calypso ein. Die Höhle hat man allerdings weggelassen.


Literatur:

Billig, Volkmar Ursprung der Sehnsucht, KULTURAUSTAUSCH II/2014, S. 23
Brison, David N. Höhlen in der Odyssee, Stalaktite 56, 1, 2006, S. 18ff.
Gothein, M.L Geschichte der Gartenkunst, Jena 1914
Grünbein, Durs Kalypso, veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung Nr. 248, 24. Oktober 2008, S. 16
Grünbei, Durs Koloss im Nebel, Suhrkamp, Berlin 2012
Hohoff, Curt Besuch bei Calypso, Limes-Verlag, Berlin 1988
Homer Odyssee. Aus dem Griechischen übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann, Zürich 2007
Kerényi, Karl Die Mythologie der Griechen, Band I: Die Götter- und Menschheitsgeschichten, dtv, München 1966
Köhler, Barbara Niemands Frau. Gesänge, Shrkamp, Frankfurt a. M. 2007
Köhlmeier, Michael Kalypso, München 1997
Lehmkuhl, Tobias Die Odyssee. Ein Abenteuer, Berlin 2013
Lessing, Erich Die Abenteuer des Odysseus - Homers Epos in Bildern, erzählt von Erich Lessing, Herder, Freiburg-Basel-Wien, 1969
Lessing, Erich Die Griechischen Sagen - in Bildern erzählt von Erich Lessing, C.Bertelsmann, München 1982
Lessing, Erich Die Odyssee, Herder, Freiburg im Breisgau 1965 und 1977
Schlötzer, Christiane Odysseus, wer war das noch mal?, Süddeutsche Zeitung Nr. 23, 29. Januar 2014, S. 14

Links:

- Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722–1789), Das Gastmahl der Kalypso, 1756 - Museumslandschaft Hessen Kassel
- The Internet Classics Archive | The Odyssey by Homer
- Homer, Odyssey, Book 1, line 1
- Calypso 3 - Greek Mythology Link


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