Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Lochsteine und Durchkriechbräuche in Deutschland


Nonnosusgrab in der Krypta von Freising


Ein paar Beispiele (immer mehr chronologisch geordnet, die Neuesten stehen oben:

  Oberkrumbach bei Hersbruck
Böhming, Almühltal, Friedhof, Grabstein
  Mühlstein bei der Furtmühle, Lks. Fürstenfeldbruck
  Ein Naturlochstein im Aquarium im Tierpark Hellabrunn in München / 2015
  Zaunlochstein in Deising im Altmühltal, 2015
  Gedenkstein auf der Schwäbischen Alb in der Nähe des Eingangs zum Wental
Grünes Zentrum in Puch bei Fürstenfeldbruck, Obb.,
2014

aufgestellt im Oktober 2011,
Künstler: Ulrich Hochmann Titel: Durchbruch am Dienstag
Lit: Süddeutsche Zeitung Fürstenfeldbruck, Nr. 250, 29./30. Oktober 2011, S. 1

 
  Herrmannsdorfer Werkstätten, Oberbayern

Durchgebohrtes Loch in einem Basaltstein in einer Kunstinstallation

Herrmannsdorfer Landwerkstätten |

Lochsteingeld aus der Südsee im Völkerkundemuseum München
Lochsteine in Wiesenhofen bei Greding
 
Mühlstein und Fastmühlstein in Pirna, Sächsische Schweiz 2012
  Mühlstein in einer Pension in der Nähe von Königstein, Sächsische Schweiz 2012
Steinernes Kreuz mit durchgehendem Loch an der Straße Scharenstetten - Temmerhausen

Schwäbische Alb

   
Hillohe bei Lauterhofen
 
Lochstein in der Nähe der Straßenabzweigung nach Finsterhaid an der Straße zwischen Lauterhofen und Velburg
 
Nürnberg

Schule in der Saarbrücker Straße

April 2011

Lochsteinbrunnen in Nürnberg

Foto 1. August 2010

Die Kirchenbeschreibung von Paula und Wegener-Hüssen in "Denkmäler in Bayern" enthält keinerlei Hinweise auf einen Durchschlupfbrauch in dieser 1687/88 erricheteten Kirche "in einsamer Waldlage". Neben dem Kirchturm befindet sich aber dieser Stein, der nach Berichten älterer Einheimischer früher zum "Durchschlupfen" benutzt worden ist. Schlanke Zeitgenossen können noch heute hindurchkriechen. Für mich war es schon zu eng. Auffallend ist, daß am Boden aus Beton eine Art Knödel zwischen Stein und Kirchenwand ist. Offenbar wollte man verhindern, daß die Leute an dieser Stelle tiefer in den Boden graben. Maria Elend bei Dietramszell, Bayern
 
. Ein "Fingerstein", also eine Spezialform eines Lochsteins, weil man lediglich die 5 Finger in die 5 Löcher stecken kann, befindet sich in der Friedhofskirche auf einem Hügel westlich des Klosters. Der Kult soll bis ins 16./17. Jahrhundert zurückreichen Kreuzbichlkapelle bei Dietramszell, Bayern
In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts erschienenen Sammlung bayersicher Sagen, herausgegeben von Friedrich Panzer, steht darüber: "Oberhalb von Abbach an der Donau liegt der Teufelsfelsen, in dessen vorspringendem Teile, die Teufelskanzel genannt, ein Loch ist, durch welches mit Kreuzweh oder Leibschaden behaftete durchschlofen oder durchgezogen wurden. Dieses Durchschliefen oder Durchziehen nennt man "Bögeln". Kann man diese Stelle heute noch sehen, oder ist sie dem Straßenbau zum Opfer gefallen? Es gibt in den Felsen eine kleine Höhle und dort ist zwischen den beiden Eingängen auch ein niedriger Durchschlupf. Ob es die von Panzer beschriebene Stelle ist? Vor Ort kann man keinerlei Spuren entdecken, die auf eine regelmäßig Benutzung hinweisen würde. Teufelsfelsen bei Bad Abbach, Bayern
    Sankt Wolfgang bei Altenmarkt, Bayern

"Zwei spätgotische Gotteshäuser erheben, nah beieinander, ihre Zwiebelhauben über den sanft ansteigenden Wiesenplan von Koppenwall, dem mutmaßlichen Walchenort beim "schatzträchtigen" Koppenberg.

Weil sie der Volkskunde unschätzbare Aufschlüsse über die Korona-Verehrung ermöglicht, zieht die kleinere Kirche, die weit ins Laabertal schaut, zu den Türmen von Pfaffendorf, Rainertshausen, Egglhausen und Pfeffenhausen hin, und auf deren Wetterglocke noch immer Verlaß ist, mehr Besucher an.

An diese Koronakirche knüpfte sich in den verflossenen Jahrhunderten eine seltsame Gewohnheit: das Bögeln. So heißt man das Durchziehen, Schlupfen und Gehen der Kranken und Bedrohten und des Viehs durch Maueröffnungen, Felslöcher oder gespaltene Bäume, wie es als magisches Mittel bei verschiedenen Leiden im Hallertauer Umkreis in dem Glauben geübt wurde, beim Durchkriechen werde das Übel abgestreift und auf Baum oder Fels übertragen. In Koppenwall geschah es durch die aushöhlte Mensa, und noch Panzer vermerkt den Heilbrauch, "während der Andacht durch das Loch des Altarsteines, auf dem der Altar liegt, ...zu schliefen, damit man in der Ernte kein Kreuzweh bekommt..." (...)

Durchkriechaltar von Koppenwall, Bayern
  "Am Eingang des in Ilfeld beginnenden Harztales erreicht man unweit des Flüßchens Behre eine schmale Felsspalte, genannt das Nadelöhr. Einstmals mußte jeder Fuhrknecht, der zum ersten Mal in den Harz fuhr, unter dem Jubel und den Peitschenhieben der älteren Knechte durch dieses Nadelöhr kriechen, um in deren Gemeinschaft aufgenommen zu werden." (Text aus der Internetseite von Ilfeld) Nadelöhr beim Kloster Ilfeld im Harz
  Marienstein nordwestlich Schweinsberg bei Falkenstein, Bay. Wald, Bayern
    Nadelöhr im Seulingswald bei Friedewald, 12 km östlich von Bad Hersfeld, Hessen

"Ältester Bauteil ist die vierschiffige Krypta aus Tuffstein von neun Jochen und mit eingezogener Halbkreisapsis, in deren Kreismittelpunkt ein 1625 gesetzter kräftiger Rundpfeiler....Schlichter Steinsarkophag des hl. Nonnosus von 1161, zum Durchschlüpfen eingerichtet." (Dehio, G., Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler über Bayern IV, München und Oberbayern, München 1990)

Als ich 1995 diese Stelle besucht habe, rechts oben auf dem Bild ist die kleine Tafel noch sichtbar, hatte dort jemand geschrieben: "Heiliger Nonnosus, vielen Dank, ich habe eine neue Arbeitsstelle gefunden!" So etwas zeigt, mehr als alle Beschreibungen in irgendwelchen sehr neutral gehaltenen Kunstführern, daß es noch heute hier eine lebendige Tradition gibt!

Nonnosusgrab in der Krypta des Doms von Freising, Bayern
"Bei dem aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. stammenden Grab handelt es sich um eine 20 m lange und 3,50 m breite, in den Boden eingetiefte Grabkammer, die aus großen, annähernd rechteckigen Sandsteinplatten gebaut ist - ein Material, das erst auf der anderen Talseite ansteht. Die Längswände bestehen aus je zwölf Steinen, die Schmalseiten aus jeweils einer einzigen Platte. Die nordöstliche Abschlußplatte mit einer kreisrunden Öffnung von 50 cm Durchmesser in der Mitte (Türlochstein) trennt einen kleine offenen Vorraum (Länge 2,50 m), dessen Lehmboden tennenartig festgetreten ist, von der eigentlichen Grabkammer (Innenmaße 16,50x2,50 m). Die runde Öffnung im Türlochstein scheint als Eingang fast zu klein. Dennoch wird überzeugend angenommen, daß durch sie hindurch bestattet wurde. Mindestens war sie bei im Vorraum stattfindenden Opferhandlungen eine Art Tür zwischen den Lebenden und den Toten. Für die Deutung als "Seelenloch", als "Tür" für die Seelen der Verstorbenen, gibt es keinerlei konkrete Anhaltspunkte." (Das Steinkammergrab bei Züschen - Denkmal europäischer Bedeutung in Nordhessen, Führungsblatt zu der Grabstätte der Jungsteinzeit in der Gemarkung Lohne, Stadt Fritzlar, Schwalm-Eder-Kreis, herausgegeben von der Abteilung für Vor- und Frühgeschichte im Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden, in Verbindung mit dem Verkehrsverein Züschen, 1981) Lochstein im Megalithgrab bei Züschen, Hessen
  Lochstein im Megalithgrab bei Degernau, Baden-Württemberg
Durchgang unter dem Kaiserthron von Aachen, Nordrhein-Westfalen
  Auch in Aachen -

da kann man seinen
Finger hineinstecken

Ottograb in Bamberg, Bayern
  Lochstein in Schwörstadt, Baden-Württemberg
    Externsteine
  Bückeingang in die Krypta von Birkenstein, Oberbayern
    Schloppsteine bei Osnabrück, Niedersachsen
    Ein Durchschlupfbrauch durch einen Baum:
Die Wundereiche bei Stäbelow
in Mecklenburg
  Fotos Willi Adelung Seelenloch im Luzienturm bei Ferschweiler bei Trier/ Rheinland-Pfalz
  http://www.landesmuseum-trier.de Steinkistengrab mit Lochstein nördlich von Schankweiler, Rheinland-Pfalz
    Seelenloch-Stein von Großenrode  
    Jungsteinzeitliches Grab von Calden
  Das Opfervieh vom nahen Farrenberg sei dort angebunden worden Durchlöcherter Stein in der Belsener Kapelle oberhalb von Mössingen, Kr. Tübingen, Baden-Württemberg
  In eine Öffnung der Gruft steckten die Leute früher ihre Füße und erlangten dort auf "wunderbare Weise Heilung". Eine hochklappbare Metallplatte verdeckt die heute die Öffnung im Boden. Luibertuskapelle an der Pfarrkirche St. Cornelius und Cyprian in Ennetach (Mengen, Kr. Sigmaringen), Baden-Württemberg
  Dreimal im Jahr fanden große Heiligtumswallfahrten zur Grabstätt der Heiligen statt. Erde aus der Gruft der Seligen wurde über Felder und Äcker zum Schutz gegen Blitz und Hagel gestreut. "Andere krochen durch ein gemauertes Loch bei der Richildiskapelle, um von Stein- und Blasenleiden befreit zu werden." (Sedlmeier). Heute ist von diesem Loch nichts mehr zu sehen. Es wurde vermutlich zugemauert. Richildiskapelle in Hohenwart, Bayern
Dieser etwas rätselhafte Stein im Wald könnte eine megalithische Vergangenheit haben. Im oberen Teil davon soll ein Gesicht erkennbar sein.
Beim genauen Hinsehen fallen Vertiefungen und Löcher in der Steinwand auf. Steckt man in eines davon einen Strohhalm oder ein längliches Holzstück, dann kann man es ganz hindurchschieben. Hier wurde also absichtlich ein Röhrchen parallel zur Außenfläche in den Stein gebohrt.
Menhir von Bad Griesbach, Niederbayern
Zwischen Asbach und Kollbach im Landkreis Dachau gibt es seitlich der Straße ein wenig auffallendes Landartkunstwerk. Es ist auch ein Aussichtspunkt und ein Brotzeitplatz. Es waren wohl noch Gelder aus der Flurbereinigungsaktion in den Jahren 1990-1994 übrig. Die hat man dann einem Künstler gegeben, der einen geschwungenen langgezogenen Erdhügel in die Landschaft gesetzt, der aus der Luft wie ein Drache aussehen soll. In Erdhöhe ist davon nichts auszumachen. Dort, wo der Kopf sein sollte, da steht ein rollenförmiger Stein. Als "Alleinstellungsmerkmal" weist er 9 Durchbohrungen auf, durch die der Besucher blicken kann. Wer genau hinschaut, der sollte dann in der Ferne 8 verschiedene Kirchen sehen können. Das geht heute nicht mehr, weil der Bewuchs rundum zugenommen hat und sich nun oft Büsche und Bäume in den Blick stellen. Neben den Löchern ist dann der Name des zu sehenden Ortes senkrecht in den Stein gemeißelt worden. Die Durchbohrungen sollen an die Tätigkeit der Landvermesser erinnern, die ja auch durch ihre Sehrohre blicken, um ihre genauen Messungen machen zu können. Link: http://www.kirchenundkapellen.de/kirchen/aaa-framefor1024.htm Lochsteinkunstwerk zwischen Asbach und Kollbach, Lks. Dachau
 
  Grabstein auf einem Lindauer Friedhof
März 2009 / Ich habe es mir nicht verkniffen, in eines der vielen Löcher zu greifen, und anzuheben. Das gelang natürlich nicht auf Anhieb. Einen Versuch war es wert. Obwohl er nicht so aussah, auf unserer kleinen Welt gibt es ja dauernd solche "Zampanos", die die Welt aus den Angeln heben wollen/können/sollen! Hinterher stellt es sich ja oft heraus, daß dahinter auch nur ein Haufen Luft war! Siehe unsere heutige Weltfinanz-/Wirtschaftskrise! Heiligenkreuztal / Baden-Württemberg
  Durchschlupf auf einem Spielplatz am Schwanberg, Unterfranken
  Lochstein in einem Denkmal auf dem Gipfel des Walberlas, Fränkische Schweiz
Kam in die Schlagzeilen der Presse, nachdem ein amerikanischer Student sich darin so verkeilt hatte, daß ihn die Feuerwehr mit 22  Rettern im Juni 2014 darauf befreien mußte - siehe: Heillos verklemmt, Süddeutsche Zeitung 23. Juni 2014, Nr. 141, Seite 8
Besonders großes Kunstinteresse: Student steckte in Tübingen in Stein-Vagina fest
Seltsames Kunst-Interesse: Student steckte in Stein-Vagina fest - News Inland - Bild.de
Vulve de marbre, vulves fruitées |
  "Pi-Chacan"-Lochsteinkunstwerk vor dem Institut für Mikrobiologie und Virologie in Tübingen von Fernando de la Jara

Literatur:

Bek-Baier, Martin Der Teufel kam nicht durch - Dem Geheimnis der Schlupfsteine auf der Spur - Zweiter Teil, Evangelisches Sonntagsblattl aus Bayern - Nr. 34 vom 27.8.2006
Lindenmayr, Franz Von Lochsteinen und Durchkriechbräuchen, Arbeitskreis Höhle-Religion-Psyche, Tagungsmappe 1996, München 1995
ohne Verfasserangabe Schlupf-Altäre und -Grabmäler, Deutsche Gaue, Band V, 1903
ohne Verfasserangabe Schlupf-Altäre und -Grabmäler, Deutsche Gaue, Band 38, 1937, S. 87f.
Schwarzfischer, Karl Marienstein (Lkr. Roding), Vergessene Holzburg und alter Heilbrauch, in: Oberpfälzer Heimat, Bd. 16, Weiden 1972 p. 128-135
Sedlmeier, Martin Wallfahrten im Landkreis Pfaffenhofen, Pfaffenhofen 2. Auflage 2002

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