Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Das
Erdstalltreffen 2003 in Strahlfeld bei Roding


Untervierau

Götzlhof


Wieder ist eines dieser schönen Wochenenden zu Ende, die ruhig noch etwas länger hätten dauern können. Für vieles war Zeit, aber an ein Ende sind wir noch lange nicht gekommen und das große Rätsel haben wir auch noch nicht gelöst. Was für ein Rätsel? Das der Erdställe.

Vom 26. bis 28. September 2003 fand zum vierten Male hintereinander wieder das alljährliche Treffen des Arbeitskreises für Erdstallforschung im Kloster Strahlfeld statt. Am Ende des letzten Treffens war nicht sicher, ob es jemals wieder dort Tagungen geben würde. Der KAB, der Organisator des Tagungs- und Veranstaltungsbetriebes damals dort, gab auf, und nur weil die Schwestern nun die Organisation selber in die Hand genommen haben, gehts auch weiter. Unterkunft und Verpflegung war wie üblich einfach prima. Alles blitzsauber, richtig still ist die Gegend, das Essen bodenständig, schmackhaft und reichlich. Und wer zum Frühstückbüffet kam, der fand dort einen kleinen Plätscherbrunnen, versetzte Spiegel und Vogelstimmenmusik, alles Kreationen einer Klosterschwester, die damit die Gäste gleich in der Frühe in eine gute Stimmung versetzen wollte und das damit auch tat.

Ein paar Akteure

 
   

Ein paar Bilder vom Geschehen

 
   
   
Beim Götzlhof
 
  Gewurle im Erdstall während
der Tagungsbefahrung

Der Freitagabend galt vor allem der Organisation des Arbeitskreises. Neuwahlen waren angesagt und wurden auch letztendlich vollzogen. Regine Glatthaar, die 1. Vorsitzende, hätte gerne ihr Amt zur Verfügung gestellt, aber wer könnte sie schon beerben? Sie ist einfach die Idealbesetzung für dieses Amt und nirgends ist weit und breit jemand auszumachen, der mal auf diesem Sitz Platz nehmen könnte. Ein Kriterium ist z.B., daß er aus dem Landkreis Roding möglichst stammen sollte, da dort die Wurzeln des Arbeitskreises einfach sind und die Gegend dort wirklich ein Mekka für die Erdstallforschung ist. Anton Haschner wurde zum neuen 2. Vorsitzenden gewählt, sicherlich eine gute Besetzung. Auch für die anderen Ämter fanden sich schließlich Personen, so daß es für ein paar Jahre weitergehen wird.

Dorothée Kleinmann berichtete später vom Kongreß der SFES in der Vendée in Frankreich. Hinterher wurden dann noch Bilder gezeigt, hauptsächlich vom HÖREPSY-Treffen in Peggau in der Steiermark, wo wir auch einmal die Gelegenheit hatten, einen steirischen Erdstall zu besichtigen. Gegen Mitternacht dünnte sich das Publikum endgültig aus und alle verzogen sich in ihre Kemenaten.

Der Samstagvormittag war einem einzigen Thema gewidmet, dem Erdstall von Kühried. Es scheint der erste wirklich wissenschaftlich ausgegrabene Erdstall der Welt zu sein, eine wirkliche Sensation. Und die Ergebnisse sind äußerst wertvoll. Peter Forster, Dr. Thomas Beilner und Herbert Schaller stellten in gründlichster Art und Weise den Erdstall, die Grabung und die Auswertung der Untersuchungen vor. Geschaffen wurde er um das Jahr 1000 und zerstört um 1200. Viele Fragen wurden geklärt, viele blieben völlig unbeantwortet. Eine lebhafte Diskussion setzte hinterher ein und hätte leicht noch länger fortgeführt werden können, aber das Glockenläuten um 12 Uhr gab den vorläufigen Schlußakkord ab für das Mittagessen.
Nachmittags erfolgte eine Exkursion in die Gegend um Kötzting in die Erdställe beim Götzlhof und in Untervierau. Dies war eine wunderbare Gelegenheit, in situ, also vor Ort, diese vorher so eingehend und gründlichst theoretisch durchleuchteten unterirdischen Rätselgebilde selber wieder zu erleben.

Abends schließlich begann Regine Glatthaar mit einem Vortrag über den "Bauhilfsschacht". In Kühried wurde ja so ein Gebilde mal richtig wieder ausgegraben und gründlich untersucht.

Wurde der wirklich nur zum Bau des Erdstalles so errichtet? Um vom tiefsten Punkt aus seitwärts Gänge zu graben und das anfallende Material ökonomisch dort herausholen zu können? Viele Details wurden diskutiert, z.B. die Vertiefungen in den Seitenwänden. Waren das Trittstufen? Zumindest in Kühried sind sie so gebaut, daß man sie nicht zum Klettern hernehmen konnte, eher um vielleicht querverlaufende Hölzer zum Auf- und Absteigen einklemmen zu können. Wie ist der Übergang Schacht - Erdstall gestaltet? Ist da immer eine Trockenmauer aufgerichtet worden oder nicht? Warum hat man den Schacht hinterher wieder verfüllt? Ganz am Grunde lag in Kühried ein klein wenig Holzkohle, die nun eine Datierung erlaubt hat, aber ansonsten wurden in dem Füllmaterial nur ganz wenige Funde gemacht. Man hat hier nicht einfach alles wieder hineingeworfen, sonders war da schon recht sorgfältig. Es wäre nun sehr spannend, auch noch in anderen Erdställen diesen Schacht mal auszuräumen, um sehen zu können, was es wirklich damit auf sich hat. Vielleicht spielt er ja eine viel bedeutendere Rolle, als bislang angenommen wird. Regine machte den Vorschlag, mal den Schacht im Erdstall Rabmühle diesbezüglich zu untersuchen, ob es z.B. eine Fortsetzung jenseits des bislang nur zugänglichen Teils gibt.

Eines ist schon seltsam: Wenn der "Bauhilfsschacht" hauptsächlich dem Bau der Erdställe gedient haben soll, warum gibt es dann Kammern in den Erdställen, die nur wenige Zentimeter hinter diesem liegen, die aber keine Verbindung mit diesem haben und die deshalb wohl mühseligst von unten her über die niedrigen Erdstallteile und die senkrechten Schlupfe ausgegraben werden mußten. Da hätte man sich die Arbeit unheimlich erleichtern können und äußerst beschleunigen, aber die Erbauer der Erdställe haben das nicht gemacht. Warum? Verrückt waren sie wohl nicht, oder? Was dann? Ist die Bezeichnung "Bauhilfsschacht" für diese höchst ästethischen Gebilde, die aber eben alle wieder aufgefüllt worden sind, mit einer Ausnahme, eher eine Irreführung? Steckt da viel mehr dahinter? Steckt auch in ihm eine "kultische Bedeutung"? Wir wissen es nicht, vielleicht noch nicht. Wieder wurde es Mitternacht bis der letzte im uns allen schon sehr vertraut gewordenen Tagungssaal das Licht ausmachte.

Am Sonntagmorgen gab es noch zwei weitere schwergewichtige Vorträge. Edith Bednarik berichtete von ihren akribischen Forschungen in den Erdställen von Althöflein in Niederösterreich. Über ihn gibt es ja die seltsamsten Aussagen, so, daß es sich da um den längsten Erdstall Österreichs handle. Bis zu 500 m Länge geben gedruckte Werke an, habe diese unterirdische Anlage. Edith kam auch bei gründlichster Forschung nur auf gut 100 m. Jedem Detail ist sie dort nachgegangen, von kleinsten Löchern, die wohl Tiere geschaffen haben, bis zu dem Skelett, das zur Hälfte aus dem oberhalb mal gelegenen Friedhof über einen Deckeneinbruch in den Erdstall gelangt ist. Anton Haschner breitete vor uns die Ergebnisse seiner neuesten Forschungen mit die frühmittelalterliche Geschichte und ihre Verbindungen zu den Erdställen aus. Sind die Erdställe Kammern für die Seelen Verstorbener ehe sie beim Jüngsten Gericht endgültig ihrem Ort in Himmel oder Hölle zugewiesen werden.

In der Abschlußdiskussion fielen noch sehr treffende Bemerkungen. Was sind Erdställe? Die Dauerbrennerfrage. "Gebilde unter der Erde", Edith Bednarik ergänzte dann noch: "Die vom Menschen geschaffen worden sind." Das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Ansonsten gibt es für alle anderen Kennzeichen, Durchschlupfe, Bauhilfsschächte, Lichtnischen, Endkammern usw. immer Beispiele, die woanders nicht zutreffen. Solange die große Frage nicht beantwortet ist, warum sich einmal Menschen diese Arbeit gemacht haben, um einen "Erdstall" zu bauen, solange ist in diesem Arbeitskreis eine besondere Faszination zu spüren. Schön wäre es, wenn da neue Leute dazukommen würden, die frischen Wind mitbrächten und schöpferische Ideen.



http://www.erdstall.de

http://www.lochstein.de/erdstall.htm

http://www.kloster-strahlfeld.de/

 


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