Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Slouper-Sosuvske Jeskyne, Mährischer Karst, Tschechien


"Sloup" ist das lokale Wort für "Felspfeiler" und der steht in der Nähe des gleichnamigen Ortes unübersehbar am Rande eines heute oft trockenen Bachlaufs.Unübersehbar ist im "Hrebenac" die kurze Durchgangshöhle, die von unendlich vielen schon durchquert worden ist. Der Fels ist glatt und poliert geworden dadurch.

Folgt man dem Bachbett weiter, dann scheint es zu enden. Der Bach macht einen Knick zurück, entlang einer weiteren hohen Felswand, und verschwindet auf einmal in einem breiten Höhlenmund. Unschwierig kann man in den unterirdischen Bachlauf eindringen. Eine Taschenlampe genügt. Nach oben sieht man die Absperrungen und Abmauerungen, mit denen verhindert werden soll, daß man ganz einfach in die Schauhöhle oberhalb hineingelangt. Ab einem bestimmten Punkt liegt überall das eingeschwemmte und nun vermodernde Holz herum, das der wohl manchmal mächtige Bach hier hereinträgt, aber nicht mehr hinaus. Entsprechend wild sieht es hier aus. Irgendwann enden alle Fortsetzungen und man muß sich auf den Rückweg machen. Das Wasser verschwindet in der Tiefe und erreicht über Schachtstrecken das etwa 80 m tiefer liegende aktive Höhlenniveau, wo es bis in unmittelbare Nähe der längsten Höhle des Mährischen Karstes, dem Amateurskahöhlensystems, erforscht ist.

 

Zwei Hauptniveaus bilden das Gesamtsystem, das inzwischen über künstlich geschaffene Stollen auch Höhlen miteinander verbindet, die ursprünglich gar nichts miteinander zu tun hatten. Damit ist ein gemeinsamer Betrieb der beiden Schauhöhlen möglich, die eigentlich auch getrennt sind. Mitten in der Höhlen übergibt ein Führer die Besuchergruppen an einen anderen, der zur anderen Höhle gehört.

Man betritt die Schauhöhle über den Nicovateil, der immer schon bekannt gewesen ist. "Nicova" steht für Berg- oder Montmilch. Das ist ein weißliches Höhlenmineral, das über Jahrhunderte abgebaut wurde und als Heilmittel in der Verwendung fand. Außerdem wurde im Boden nach alten Knochen und Zähnen gesucht, die auch zermahlen als medizinisch wirksames Mittel vertrieben wurde. Einer der Montmilchabbauer, Vaclav Sedlak, fiel 1879 in einen 11 m tiefen Schacht und fand so, unfreiwillig, die Fortsetzung der Höhle, die den Namen "Eliska oder Elisabethhöhle" bekam. Da sie vorher noch vollkommen unbetreten gewesen war, hat sich hier der reiche Tropfsteinschmuck noch erhalten gehabt. Die verschiedenen Figuren bekamen, dem Zeitgeschmack entsprechend, ihre Namen ab: "Wasserfall", "Kleines Theater", "Glocke", "Wäldchen", der "Wächter". Ein Podest ist hineinbetoniert, damit man darauf Musikveranstaltungen abhalten kann, was mit der guten Akustik zusammenhängt. Hier war auch der erste Ort, wo es in Europa eine elektische Höhlenbeleuchtung gegeben hat, 1881 (Ein Jahr vorher hatte man in der Chiefley Cave in Australien das gleiche gemacht).

 Gedenktafel an die bedeutendsten Karstforscher: Jindrich Wankel und Prof. Karel Absolon

Über Treppen geht es steil hinauf in die altbekannten Teile. An einer Stelle fehlt ein Stalagmit. Der wurde 1775 auf Geheiß des Grafen Karl Salm zerschnitten und zwei Scheiben davon dienen nun als Tischplatten in seinem Schloß in Rajec nad Svitavou. Die Tropfsteine aus den Höhlen zu entfernen, das war eine zeitlang richtig en vogue. Die Nutzung der Höhleninhalte war Lebensgrundlage, die Stücke wurden als Souvenir und Heilmittel vertrieben, schließlich gab es hier einen lebhaften Tourismus schon lange, damals hieß das Wallfahrten. 1850 wurden schon intensive Grabungen im Höhlenboden durchgeführt, wobei man ganze Skelette von Höhlenbären, -löwen und -hyänen fand.

Man kommt zum "Abgrund", der schon 1748 von Johann Antonius Nagel begangen wurde. Immerhin 65 m ist er tief. Nagel war Mathematiker und Physiker und in den Diensten von Kaiser Franz I. Auf dem Grund stieß man erstmals auf den Sloupsky potok, den Höhlenbach, der vor der Höhle meist versickert. Beim Abgrund ist heute eine große Betonfläche zu sehen. Wenn sie "bespielt" wird, dann gibt es dort vielleicht ein Höhlenkonzert oder man nutzt den Raum wieder einmal für "Speleotherapie". Man versprach sich einmal viel von ihr wegen der hohen Feuchtigkeit der Höhlenluft und dem Inhalt der Negativionen, was insbesondere bei Kindern bei asthmatischen Beschwerden helfen sollte.

Immer weiter führt der Weg, weitere Horizontalteile, öfters auch künstlich, werden durchquert, man kommt noch an mehr "Abgründen" vorbei, an noch mehr Tropfsteingebilden mit besonderen Namen: "Mandarin", "Schneekoppe", "Meduse", "Strohhalme". Der Höhepunkt ist mit dem "Märchensaal" erreicht, der 1905 von Josef Brousek entdeckt worden ist. Dort steht das Wahrzeichen des ganzen Systems, der "Leuchter". Ursprünglich stammt er aus einem ganz anderen Höhlenteil, der aber nur schwer erreichbar ist. So hat man ihn verpflanzt und eine attraktive Umgebung künstlich gebaut mit einem Wasserbecken rundherum und etlichen Kerzenstalagmiten außen herum. An der Decke dieses Raumes sind die "Wespenkugeln", erstaunliche, runde Kristallgebilde.

Zu den bedeutendsten Stellen in der Höhle, die man heute anschauen kann, gehört das, was der Mensch ihr zugefügt hat. So sieht man an einer Stelle Plattformen in die Gänge eingebaut, über der Zweck man nur noch spekulieren kann. Waren die dafür da, daß vielleicht Flüchtlinge z.B. während des 30jährigen Krieges ein Zuflucht fanden? Oder waren die dazu da, daß man besser an die Stellen kam, wo es noch Tropfsteine gab, um sie dann bergmännisch abzubauen?
Wichtig sind inzwischen auch schon die zahlreichen Inschriften an den Wänden. An einigen Stellen sind sie gehäuft, natürlich da, wo die Gänge zu Ende waren und man umkehren mußte. Auch J.A. Nagel hat sich "verewigt", zusammen mit der Jahreszahl 1748. Dieses historische Zeugnis bekommt der Normalbesucher allerdings nicht zu Gesicht.


Kontrollstreifen, der Bergbewegungen nachweisen soll


Gedenktafel an einen Arbeiter, der bei einem Unfall mit Dynamit an dieser Stelle gestorben ist
 

Durch einen Stollen erreicht man schließlich den Endteil des Systems, die Kulnahöhle. Sie ist ursprünglich eine Durchgangshöhle. Diese Eigenschaft hat man künstlich verändert, in dem man an einem Ende eine große Mauer eingezogen hat, die bündig alles abschließt. Das andere Portal ist weit offen und bot seit Jahrhunderttausenden dem Menschen Schutz und Lebensraum. Bei den intensiven Grabungen, insbesondere in den Jahren 1961-1976, wurden zahllose Funde gemacht. Eines der bedeutendsten Stücke war ein Oberkieferteil eines Neandertalers.

 Der Brousek-Eingang

Literatur:

Zajicek, Petr und andere Sloupsko-Sosuvske Jeskyne, 2012
Drewitz, Heike Karst- und Pseudokarstgebiete in der CSSR, Mitteilungen der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg, 1/2-1984, S. 23ff.
Oliva, Martin THE MORAVIAN KARST IN THE ANTHROPOLOGICAL PERSPECTIVE, in: 16th INTERNATIONAL CONGRESS OF SPELEOLOGY Proceedings volume 1, Brno 2013
Mokry, Tomas Cave systems connected to the underground flow of the Sloupsky potok Creek - nex explorations and discoveries in 2009-2012, in: CZECH SPELEOLOGICAL SOCIETY 2009-2012, Praha 2013

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