Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Psychotop Höhle

 


"L'uomo fa il luogo, e il luogo l'uomo"                  Proverbio toscano

"Hallraum der Seele"                 Joseph von Eichendorff

"Die Welt ist tief, 
Und tiefer als der Tag gedacht."                 Nietzsche, Das trunkene Lied

"Es kommt mir vor, als existierte ich als Rutengänger im eigenen Kopf." Bernhard, Der Keller, 102

"Die Orte, an denen wir die Zeit vergessen können, sind lebensnotwendig." Laudenbach, Heuer 138"

"Er (der Mensch) fühlt, daß ihm nichts mehr zu suchen bleibt, sobald er es entdeckt hat." Dostojewski, Fjodor, Aufzeichnungen aus dem Untergrund, in: Der Spieler - Späte Prosa, Aufbau-Verlag, Weimar und Berlin 1994, S.194

"Das Geheimnis, um ...den grössten Genuss vom Dasein einzuernten, heisst: gefährlich leben." Nietzsche

"Space drives behaviour" (Lohr, The Office 5)

"Er..suchte Freude darin, seine Kräfte zu fühlen und sich im Kampf mit Beschwerden und Gefahren zu bewähren." Hesse, Der geheimnisvolle Berg, S. 35

"Wenn ich manchmal den Schlüssel finde und ganz in mich selber hinuntersteige, da wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern,..." Hesse, Demian 163

"Temperature, texture, weight, sound, taste smell and colour, among a symphony of other physical sensations, affect us every day. We are moved without knowing we are being moved." Rehn, Material 115

"In der Tiefe, das lauert das Gewissen." Werthmann, Alligatoren 36

"Es ist schser, in einem dunklen Raum eine schwarze Katze zu finden, warnt eine alte Weisheit. Vor allem, wenn es diese Katze gar nicht gibt." Firestein, Ignoranz 7


In einer relativ kleinen, aber trotzdem labyrinthisch angelegten Höhle des Hagengebirges bei Salzburg. Wir waren zu zweit unterwegs darin. Ein niedriger Kriechgang führt hinein, ein kalter Wind streicht hindurch. Von den Seiten kommen weitere kleine Gänglein hinzu. Ein Steinmann steht links an einem Absatz. Ein 1 m hoher Abstieg, dann steht man in einem quer dazu verlaufenden mannshohen Gang. Nach unten bricht der Gang in eine Halle ab, nach oben verzweigt sich das Ganze schon wieder. Immer dem Luftzug und den unregelmäßigen Röhren nach, die gerade so hoch sind, daß man gehen oder mindestens sich nur leicht bücken muß. Eine nächste Halle ist erreicht. Wieder in alle Richtungen Gänge, niedrig, klein, verblockt. Wir beschließen umzukehren. Der Steinmann ist eine gute Markierung. Hier muß es hinausgehen. Ein Abzweigung, ein Holzstöckchen liegt drinnen. Das ist der Ausgang. Denken wir. Kriechen hinein. Kriechen und kriechen. Eine schlammige Stelle kommt. Dort scheint noch keiner durchgekommen zu sein. Ich krieche voraus, es geht immer weiter. Die Röhre nimmt kein Ende. Der Zweifel wächst, ob ich noch auf dem "richtigen" Weg bin, es wird immer enger, langsam. Ich rutsche wieder zurück. Und noch weiter. Mein Kamerad wirkt völlig verändert. Irgendwie "geschrumpft". Ich höre ihn beten, er scheint voller Angst auf einmal zu stecken, daß wir nicht mehr aus der Höhle herausfinden werden. Eingeschlossen im Berg - für immer. Er steht unter Schock und leidet unter einer Art von Panik. Ganz leicht spüre ich auch Zweifel, ob wir wirklich wieder hinausfinden werden. Das Spielerisch-Leichte ist einem fühlbaren Ernst gewichen. Wo ist der letzte sichere Punkt? Der Steinmann. Da bin ich beim Hereinkommen vorbeigekrochen. Da muß es hinausgehen. Ich schaue mich noch einmal um. Ja, da war noch ein zweiter Gang, den wir beim ersten Mal nicht so beachtet haben. Ich krieche hinein, noch ein paar Meter weiter - und, da ist es ja wieder, das Tageslicht. Es sind nur ein paar weitere Meter, dann sind wir wieder deraußen auf der Erdoberfläche, der Wärme des Tages, dem Duft des Bergwaldes. Wir haben erlebt, daß es nicht selbstverständlich ist, sie erleben zu können. Ein wenig ist es schon wie zweite Geburt.

Den Ausdruck "Psychotop" habe ich zum ersten Male gehört, als ich eine Fernsehsendung über die Wiener Ringstraße gesehen habe. Sie sei ein Ort, der diesen Ausdruck verdiene, sagte der Fernsehsprecher. Sofort kam mir der Gedanke, daß auch die "Höhle" so ein "Psychotop" sei. Es gibt eben nicht nur "Geotope" oder "Biotope", sondern halt auch noch viele andere "-topoi", vom griechischen Wort "topos", Ort, Platz. (Ein analoger Begriff dazu aus der Literatur stammt von Thomas Bernhard: "Denkbezirk". Er verwendet ihn im Zusammenhang mit Krankenhäuser, Klöstern, Gefängnissen > Der Atem - Eine Entscheidung, S. 45)

Geotope sind, lt. Wikipedia, "Gebilde der unbelebten Natur, die Einblicke in die Erdgeschichte, einschließlich der Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde, vermitteln." Einblicke bekommt man auch in der Höhle, dann halt in das "Seelenleben" des Menschen."

Früher hat man auch andere Ausdrücke für den Bezug von Mensch und Erde benutzt, z.B. genius loci, "a place with a special atmosphere for health, a place that raises your soul to a higher level" (Burleigh). Solche Orte sind sicherlich manche Höhlen, was sich in ihrer Verwendung als Kultstätte zeigt, z.B. in Lourdes.

Beschreibung des Höhleneindrucks "nach einer Art" Höhlenrettung in der Falkensteiner Höhle im Juli 2019: "22.34 Uhr: Jetzt spricht einer der Höhlenretter über die Befreiungsaktion. Max Fahr (29) ist unter anderem Berufssoldat und war während der Rettung mit den Touristen abgeschlossen von der Außenwelt. Der BILD  erzählte er von den langen Stunden: „Die Bedingungen waren Horror. Es war schwierig, in die Höhle zu kommen. Wir haben keine Sekunde geschlafen. Ich habe das Unfallopfer in zwei Schlafsäcke und eine Rettungsdecke gepackt, ihm gut zugeredet, versucht, die Angst zu nehmen. Insgesamt saßen wir fast 14 Stunden zusammen da drin. In der Höhle war es kalt, nass, unangenehm, laut. Es hat nach Urin und Schweiß gestunken. Kein Ort, an dem man lange bleiben mag.“


Viele Fragen stellen sich in Bezug auf das Verhältnis Mensch und Höhle, die den Bereich unserer "Psyche" (vom griechischen Wort "psyche" - wörtlich: "kalter Hauch" / Hasenfratz 102) vor allem nahe stehen.

Eine kleine Auswahl davon, eine erste Annäherung an dieses weite, unerschöpfliche Thema:

  1. Wie wirkt das Sein in der Höhle auf uns und unsere Seelen?

Schier unendlich viele Antworten sind möglich und sind schon gegeben worden. Eine kleine Auswahl daraus:

1.1.) Die Wirkung der Dunkelheit

- "Was gäbe ich nicht, ihr könnt es mir glauben,
für den Frieden der Seele und jene höchste Erkenntnis,
die uns den Weg auftun, der durch die Finsternis führt.." Thanassis Lambrou, Labyrinth 27

- "Die Welt ist ein Rosengarten und zugleich die Fremde,
der Weg zu dem Einen durchs Dunkel mitten hindurch." Thanassis Lambrou, Labyrinth 35

"Ich heiße die Nacht willkommen, denn ich spüre diese tiefe Verbundenheit mit der Natur nur durch die Absenz des Lichts." Berg, GRM 221

"Ich kniff die Augen zu, um die Finsternis nicht zu sehen - wie ein Kind." Verne, Mittelpunkt 355

"Nur des Dunkel verlockt zum Denken." Kaeser, Die Welträtsel 217

1.2) Die Wirkung des leeren Raumes bzw. von Leere

https://www.textlog.de/tucholsky-leere.html

"Diese Leere ist nicht das negative Nichts. Verstehen wir die Leere als Raumbegriff, dann müssen wir sagen, daß die Leere dieses Raumes gerade das Einräumende ist, das was alle Dinge versammelt." (Heidegger, zitiert nach Gumbrecht, Nach 1945)

1.3) Die Wirkung der Stille

 

1.4) Die Wirkung des "Abgrunds"

Das Wortfeld "Abgrund" und verwandte Begriffe

1.5) Die Wirkung der "Enge"

> Greg Baird "Gedanken in einem Schluf,, Vereinsmitteilungen Landesverein für Höhlenkunde Salzburg 2/1978, S. 27

 

1.6) Die Wirkung des "Drecks"

"Ich weigere mich, in eine dreckige Höhle zu gehen." Diese Bemerkung habe ich tatsächlich wieder einmal gehört, im März 2016. Meine Antwort: Geh dort einmal zum Doktor, damit er dich daraufhin behandelt. Ironie des Schicksals: Die Person, die das gesagt hat, ist selber Arzt. Verständlich ist die Aussage, allein der "Dreck" ist einfach Wesensmerkmal der "Höhle", und wer den Kontakt mit ihm ablehnt, der ist nicht mehr qualifiziert, "tiefer" in die Welt der Höhle einzudringen

1.7) Die Wirkung von "Nichts"

Parmenides: Sein ist, Nichtsein nicht. Stimmt das?

 

 

 

 

2. Warum geht ein Mensch überhaupt in eine Höhle und warum eigentlich mehrmals, sprich, warum wird jemand zum "Höhlenforscher"?

..ein sehr spannendes Thema, eigentlich das wichtigste für jeden, der sich der Sorte "Höhlenforscher, speleo, caver usw." zugehörig fühlt. Das noch ausführlich zu behandeln ist....

Thomas Kesselring hat das schon einmal gründlich untersucht und ist dabei eine neue Untersuchung durchzuführen 

Ein anderer Artikel von ihm zu diesem Thema: https://nzzas.nzz.ch/gesellschaft/hoehlen-drama-in-thailand-warum-zieht-es-menschen-ins-herz-finsternis-ld.1403020?reduced=true

3. Die Angst und die Höhle

> Angst und Höhle

4. Was erleben wir Positives in der Höhle?

- unsere "Wilde Seite" (Born to be wild....), siehe u.a. Gnettner


In einer alten mythischen Geschichte, die uns durch Pausanias überliefert ist, taucht ein weiteres Motiv auf, das Aufnehmen des Menschen mit der Schwerkraft. Ein aktuelles Beispiel ist ja der Brückeneinsturz im August 2018 in Genua/Italien. Da nimmt es jemand auf sich, den Gewalten, die von "oben" drohen, zu trotzen. Er hält sich für überlegen, jedenfalls gibt er vor, daß er alles im Griff hat, z.B. durch regelmäßige Kontrollen im Rahmen der definierten Bedingungen. Wenn die nicht viel taugen....

Es da in der uralten Geschichte um Pulydamas, der alles gemeistert hat, einschließlich der olympischen Ehren. Dann geht er mit seinen Trinkgenossen "in eine Grotte; zur unglücklichen Stunde war gerade damals die Decke der Grotte gerissen, und es war augenscheinlich, daß sie alsbald zusammenstürzen und nur noch kurze Zeit halten würde. Da sie das drohende Unglück bemerkten, und die übrigen sich zur Flucht wandten, fiel es dem Pulydamas ein zu bleiben, und er hielt seine Hände in die Höhe, als ob er im stande wäre, die einstürzende Grotte aufzuhalten, und als ob nicht einmal der Berg ihn überwältigen könnte. So fand er damals seinen Tod." (Hermann, Höhlenunfälle 145)

Angeblich beherrscht der Mensch jetzt diese Welt...... vielleicht für kurze Zeit einige Phänomene...der Hochmut gegenüber der "Natur".


Aus dem Gedicht "Fluchtpunkt" von Sarah Kirsch (1935-2013), zitiert nach Quint Buchholz, Vom Glück der Langsamkeit, S. 48

"....Uns zwingen die eigenen Maschinen
Ohne Verweilen weiterzurasen Expeditionen
Ins Innere der Menschen sind uns versagt
Die Schutthalden Irrgärten schönen Gefühle
Bleiben unerforscht und verborgen.."


 

...wird fortgesetzt


Literatur:

Berg, Sibylle GRM Brainfucking, Köln, 3. Auflage, 2019
Bernhard, Thomas Der Atem - Eine Entscheidung, Residenz Verlag 1978
Bernhard, Thomas Der Keller, Salzburg und Wien 1998
Bischof, Norbert Psychologie - Ein Grundkurs für Anspruchsvolle, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2008
Bono, Alain de Trost der Philosophie - Eine Gebrauchsanweisung, fischer, 4. Auflage, September 2013
Brean, Th. Aspects psychologiques de la spéléologie, GROTTOLOGIE 2 bulletin annuel du G A G de Blois (1978)
Brunner, Willi Die Ochsenmaulhöhle, in: Münchner Höhlengeschichte II, München 2004
Burleigh, Nina A New Kind of Pilgrim Visitis St. Francis' Home, The New York Times International Weekly, September 11, 2015
Deubner, C. Das Höhlen-Experiment, Der Schlaz 33-1981, S. 11ff.
EJH IS IT WORTH IT?, in: Journal of the Sydney Speleological Society, 1989, 33(12): 237-238
Firestein, Stuart Ignoranz - Die Triebfeder der Wissenschaft, Huber, Bern 2013
Gnettner, Dr. Ines Born to be wild, alpinwelt 4/2017, S. 36
Gumbrecht, Hans Ulrich Nach 1945 - Latenz als Ursprung der Gegenwart, Suhrkamp, Berlin 2012
Hasenfratz, Hans-Peter Religion - was ist das? HERDER-Spektrum, Freiburg 2002
Heidtmann, Jan Der Baumflüsterer, Süddeutsche Zeitung Nr. 269, 21./22. November 2015, S. 57
Herrmann, Eckart Höhlenunfälle gab es auch schon bei den alten Griechen, HKM Wien und NÖ 6-1997, S. 145f.
Hesse, Hermann Der geheimnisvolle Berg, in: Die Märchen, Legenden, Übertragungen, Dramatisches, Idyllen, Das erzählerische Werk, Suhrkamp 9, Frankfurt a.M. Berlin, 1. Auflage 2012
Kaeser, Eduard Die Welträtsel nicht nicht gelöst, Zug 2017
Kesselring, Thomas Expedition ins Seelen-Innere des Höhlenforschers, Reflektor 2-25
Knuchel, F. Psychologische Wirkungen des Höhlenaufenthaltes, in: Stalactite, Nr 3, August
König, Stefan Des Nachts gemischte Gefühle, alpinwelt 4/2015, S. 11ff.
Lambrou, Thanassis Labyrinth - Gedichte. Griechisch-Deutsch, Elfenbein-Verlag, Berlin 2014
Laudenbach, Peter, Heuer, Steffan Action! Wollen wir immer schnellere Kicks? Wie verändert sich die Wahrnehmung - und mit ihr das Tempo der Medien? brandeins 12-2015, S. 132ff.
Lohr, Steve The Office Is Recast, and Quiet Returns, The New York Timmes International Weekly, October 27, 2017, 5
Nietzsche, Friedrich Aus aus seinen Werken, Velhagen und Klasing, Bielefeld und Leipzig 1933
Rehn, Jonas A Matter of Touch - Material wirkt, form 271, May/Jun 2017, 112-117
Velden, Manfred "Die Psychologie ist als Naturwissenschaft gescheitert", PSYCHOLOGIE HEUTE Dezember 2006, S. 38ff.
Werthmann, Carolin Alligatoren im Rohr, Süddeutsche Zeitung Nr. 74, 28./29. März 2020, S. 36
Verne,Jules Reise zum Mittelpunkt der Erde, Diogenes, Zürich 1976
Zips, Martin Im Rausch, Süddeutsche Zeitung Nr. 185 11. August 2016, S. 8

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