Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Psychotop Höhle

 


"L'uomo fa il luogo, e il luogo l'uomo"                  Proverbio toscano

"Hallraum der Seele"                 Joseph von Eichendorff

"Die Welt ist tief, 
Und tiefer als der Tag gedacht."                 Nietzsche, Das trunkene Lied

"Es kommt mir vor, als existierte ich als Rutengänger im eigenen Kopf." Bernhard, Der Keller, 102

"Die Orte, an denen wir die Zeit vergessen können, sind lebensnotwendig." Laudenbach, Heuer 138"

"Er (der Mensch) fühlt, daß ihm nichts mehr zu suchen bleibt, sobald er es entdeckt hat." Dostojewski, Fjodor, Aufzeichnungen aus dem Untergrund, in: Der Spieler - Späte Prosa, Aufbau-Verlag, Weimar und Berlin 1994, S.194

"Das Geheimnis, um ...den grössten Genuss vom Dasein einzuernten, heisst: gefährlich leben." Nietzsche


In einer relativ kleinen, aber trotzdem labyrinthisch angelegten Höhle des Hagengebirges bei Salzburg. Wir waren zu zweit unterwegs darin. Ein niedriger Kriechgang führt hinein, ein kalter Wind streicht hindurch. Von den Seiten kommen weitere kleine Gänglein hinzu. Ein Steinmann steht links an einem Absatz. Ein 1 m hoher Abstieg, dann steht man in einem quer dazu verlaufenden mannshohen Gang. Nach unten bricht der Gang in eine Halle ab, nach oben verzweigt sich das Ganze schon wieder. Immer dem Luftzug und den unregelmäßigen Röhren nach, die gerade so hoch sind, daß man gehen oder mindestens sich nur leicht bücken muß. Eine nächste Halle ist erreicht. Wieder in alle Richtungen Gänge, niedrig, klein, verblockt. Wir beschließen umzukehren. Der Steinmann ist eine gute Markierung. Hier muß es hinausgehen. Ein Abzweigung, ein Holzstöckchen liegt drinnen. Das ist der Ausgang. Denken wir. Kriechen hinein. Kriechen und kriechen. Eine schlammige Stelle kommt. Dort scheint noch keiner durchgekommen zu sein. Ich krieche voraus, es geht immer weiter. Die Röhre nimmt kein Ende. Der Zweifel wächst, ob ich noch auf dem "richtigen" Weg bin, es wird immer enger, langsam. Ich rutsche wieder zurück. Und noch weiter. Mein Kamerad wirkt völlig verändert. Irgendwie "geschrumpft". Ich höre ihn beten, er scheint voller Angst auf einmal zu stecken, daß wir nicht mehr aus der Höhle herausfinden werden. Eingeschlossen im Berg - für immer. Er steht unter Schock und leidet unter einer Art von Panik. Ganz leicht spüre ich auch Zweifel, ob wir wirklich wieder hinausfinden werden. Das Spielerisch-Leichte ist einem fühlbaren Ernst gewichen. Wo ist der letzte sichere Punkt? Der Steinmann. Da bin ich beim Hereinkommen vorbeigekrochen. Da muß es hinausgehen. Ich schaue mich noch einmal um. Ja, da war noch ein zweiter Gang, den wir beim ersten Mal nicht so beachtet haben. Ich krieche hinein, noch ein paar Meter weiter - und, da ist es ja wieder, das Tageslicht. Es sind nur ein paar weitere Meter, dann sind wir wieder deraußen auf der Erdoberfläche, der Wärme des Tages, dem Duft des Bergwaldes. Wir haben erlebt, daß es nicht selbstverständlich ist, sie erleben zu können. Ein wenig ist es schon wie zweite Geburt.

Den Ausdruck "Psychotop" habe ich zum ersten Male gehört, als ich eine Fernsehsendung über die Wiener Ringstraße gesehen habe. Sie sei ein Ort, der diesen Ausdruck verdiene, sagte der Fernsehsprecher. Sofort kam mir der Gedanke, daß auch die "Höhle" so ein "Psychotop" sei. Es gibt eben nicht nur "Geotope" oder "Biotope", sondern halt auch noch viele andere "-topoi", vom griechischen Wort "topos", Ort, Platz. (Ein analoger Begriff dazu aus der Literatur stammt von Thomas Bernhard: "Denkbezirk". Er verwendet ihn im Zusammenhang mit Krankenhäuser, Klöstern, Gefängnissen > Der Atem - Eine Entscheidung, S. 45)

Geotope sind, lt. Wikipedia, "Gebilde der unbelebten Natur, die Einblicke in die Erdgeschichte, einschließlich der Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde, vermitteln." Einblicke bekommt man auch in der Höhle, dann halt in das "Seelenleben" des Menschen."

Früher hat man auch andere Ausdrücke für den Bezug von Mensch und Erde benutzt, z.B. genius loci, "a place with a special atmosphere for health, a place that raises your soul to a higher level" (Burleigh). Solche Orte sind sicherlich manche Höhlen, was sich in ihrer Verwendung als Kultstätte zeigt, z.B. in Lourdes.

Viele Fragen stellen sich in Bezug auf das Verhältnis Mensch und Höhle, die den Bereich unserer "Psyche" (vom griechischen Wort "psyche" - wörtlich: "kalter Hauch" / Hasenfratz 102) vor allem nahe stehen.

Eine kleine Auswahl davon, eine erste Annäherung an dieses weite, unerschöpfliche Thema:

  1. Wie wirkt das Sein in der Höhle auf uns und unsere Seelen?

Schier unendlich viele Antworten sind möglich und sind schon gegeben worden. Eine kleine Auswahl daraus:

1) Die Wirkung der Dunkelheit

- "Was gäbe ich nicht, ihr könnt es mir glauben,
für den Frieden der Seele und jene höchste Erkenntnis,
die uns den Weg auftun, der durch die Finsternis führt.." Thanassis Lambrou, Labyrinth 27

- "Die Welt ist ein Rosengarten und zugleich die Fremde,
der Weg zu dem Einen durchs Dunkel mitten hindurch." Thanassis Lambrou, Labyrinth 35

2) Die Wirkung des leeren Raumes

 

3) Die Wirkung der Stille

 

4) Die Wirkung des "Abgrunds"

 

5) Die Wirkung der "Enge"

 

6) Die Wirkung des "Drecks"

"Ich weigere mich, in eine dreckige Höhle zu gehen." Diese Bemerkung habe ich tatsächlich wieder einmal gehört, im März 2016. Meine Antwort: Geh dort einmal zum Doktor, damit er dich daraufhin behandelt. Ironie des Schicksals: Die Person, die das gesagt hat, ist selber Arzt. Verständlich ist die Aussage, allein der "Dreck" ist einfach Wesensmerkmal der "Höhle", und wer den Kontakt mit ihm ablehnt, der ist nicht mehr qualifiziert, "tiefer" in die Welt der Höhle einzudringen

 

2. Warum geht ein Mensch überhaupt in eine Höhle und warum eigentlich mehrmals, sprich, warum wird jemand zum "Höhlenforscher"?

..ein sehr spannendes Thema, eigentlich das wichtigste für jeden, der sich der Sorte "Höhlenforscher, speleo, caver usw." zugehörig fühlt. Das noch ausführlich zu behandeln ist....

3. Die Angst und die Höhle > Angst und Höhle

Die Angstlust

 

 

 

...wird fortgesetzt

 

Literatur:

Bernhard, Thomas Der Atem - Eine Entscheidung, Residenz Verlag 1978
Bernhard, Thomas Der Keller, Salzburg und Wien 1998
Bischof, Norbert Psychologie - Ein Grundkurs für Anspruchsvolle, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2008
Bono, Alain de Trost der Philosophie - Eine Gebrauchsanweisung, fischer, 4. Auflage, September 2013
Burleigh, Nina A New Kind of Pilgrim Visitis St. Francis' Home, The New York Times International Weekly, September 11, 2015
EJH IS IT WORTH IT?, in: Journal of the Sydney Speleological Society, 1989, 33(12): 237-238
Hasenfratz, Hans-Peter Religion - was ist das? HERDER-Spektrum, Freiburg 2002
Heidtmann, Jan Der Baumflüsterer, Süddeutsche Zeitung Nr. 269, 21./22. November 2015, S. 57
König, Stefan Des Nachts gemischte Gefühle, alpinwelt 4/2015, S. 11ff.
Lambrou, Thanassis Labyrinth - Gedichte. Griechisch-Deutsch, Elfenbein-Verlag, Berlin 2014
Laudenbach, Peter, Heuer, Steffan Action! Wollen wir immer schnellere Kicks? Wie verändert sich die Wahrnehmung - und mit ihr das Tempo der Medien? brandeins 12-2015, S. 132ff.
Nietzsche, Friedrich Aus aus seinen Werken, Velhagen und Klasing, Bielefeld und Leipzig 1933
Velden, Manfred "Die Psychologie ist als Naturwissenschaft gescheitert", PSYCHOLOGIE HEUTE Dezember 2006, S. 38ff.
Zips, Martin Im Rausch, Süddeutsche Zeitung Nr. 185 11. August 2016, S. 8

Links:

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