"Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle"

Das Stichwort "Grotte" in der "Encyclopédie"


Die Encyclopédie gilt heute als die bedeutendste publizistische Unternehmung der französischen Aufklärung. 


Aufklärung: Intellektuelle Bewegung oder nur "Deckelwort für recht unterschiedliche Überzeugungen" (Salzwedel 11)? Gemeinsame Metapher ist das "Licht der Vernunft", das dem Dunkel von Aberglauben und Despotie sein verdientes Ende beschert"  (Salzwedel 11). Das englische Wort "enlightenment" drückt es direkt aus. Immanuel Kant nennt in einer berühmten Definition das "sapere aude", das Selberdenken, das entscheidende Kennzeichen der Aufklärung. 

Bedeutende Persönlichkeiten, die dieser Denkrichtung im 18. Jahrhundert zugerechnet werden, sind Lessing, Rousseau, Herder, Montesquieu, Voltaire, Kant, Paine, Hume, Denis Diderot und viele andere.


Ursprünglich wollte der Buchhändler und Verleger Le Breton die Idee Gottfried Sells, eines deutschen Gelehrten, weiterführen, der für das Jahr 1743 geplant hatte, eine französische Übersetzung der "Cyclopaedia, or, an universal dictionary of arts and sciences" von Ephraim Chambers im selben Jahre herauszubringen. Eine Druckerlaubnis der königlichen Kanzlei wurde 1745 erteilt, der als Hauptübersetzer vorgesehene John Mills stellte sich als unfähig und ungeeignet für dieses Projekt heraus, neue Geldgeber mußten gefunden werden, 1.625 Exemplare sollten gedruckt werden. Im Dezember 1745 tauchen erstmals die Namen d'Alembert und Diderot in den Rechnungsbüchern auf. 3 1/2 Jahre waren für die gesamte Arbeit veranschlagt.

Tatsächlich kam erst 1752 der erste Band heraus (obwohl auf dem Titelblatt 1751 steht). Es zeigte sich, daß das Werk noch wesentlich erweitert werden sollte. In der Subsription hatte es geheißen, man plane 8 Texbände und 2 Bildtafelbände, von denen jedes halbe Jahr ein neues Buch erscheinen solle. Diderot widmete am Ende 20 Jahre seines Lebens der Herausgabe des Werkes. Am Ende wurden es 17 Bände mit Artikeln und elf Bände mit Abbildungen, insgesamt 18.000 Seiten Text, 75.000 Einträge, davon 44.000 Hauptartikel und 28.000 Nebenartikel mit insgesamt 20 Millionen Wörtern.

Da man das Werk den "sciences, des arts et des métieres" gewidmet hatte, also der Wissenschaft, der Kunst und der Handwerke, kamen darin kaum Artikel über Könige, Heilige und Schlachten vor, die ansonsten die Bände anderer Schreiber füllten. Für die Anordnung der Artikel entschied man sich für die alphabetische Ordung, was "sämtliche Formen von Wissen demokratisierte" (Blom 84) und es möglich machte, "die Welt nach rationalen Kriterien zu ordnen" (Blom 84). Von Anfang an war die Encyclopédie" als Gemeinsschaftsprojekt gedacht, das viele Leute ("140 Dichter, Denker, Mathematiker, Ärzte, Philosophen" Puhl 93) einbeziehen sollte. Der Mitherausgeber war Jean-Baptiste de Rond d'Alembert, dessen Hauptbeitrag von der Verfassung des lesenswerten Vorworts bestand und der Bearbeitung des Bereichs Mathematik. 1759 zog er sich aus dem Projekt zurück. An seine Stelle trat Louis de Jaucort, der auf eigene Kosten und sehr engagiert die Arbeit weiterführte. Diderot verfaßte selbst rund 5.000 Artikel, Louis de Jancourt lieferte über 17.000.

Das Stichwort "Grotte" steht im 7. Band, erschienen 1757. Geschrieben wurde es von Baron d'Holbach und Louis de Jancourt.


Baron Paul Henri Thiry d'Holbach: 1723-1789 Geborener Pfälzer, getauft auf den Namen Paul Heinrich Dietrich, kam mit 12 Jahren nach Paris, Studium in Leiden. "Reich, bescheiden, großzügig, vielgereist" (Blom 180). Erbe eines großen Vermögens. Sein Haus "wurde einer der wichtigsten intellektuellen Treffpunkte für fortschrittliche Geister weit über die Grenzen Frankreichs hinaus." (Bloch 180). Sein Arbeitszimmer "war der Sitz einer wahren Ein-Mann-Industrie zur Produktion atheistischer und materialistischer Pamphlete" (Bloch 183). Sein größtes Werk wurde "Le Système de la nature", da zahlreiche Gedanken enthielt, die später wieder in Charles Darwins "Origin od Species" auftauchten.

Chevaliere Louis de Jancourt: (1704-1780) Geburtsort Paris. Schulische Ausbildung in Genf, Studium der Medizin in Cambridge und Leiden. Nach dem Tod des Vaters erbt er ein großes Vermögen, ein Haus in Paris und hat Einnahmen aus mehreren Gütern. Das sichert ihn ab, um "seiner Leidenschaft, der Naturforschung und dem Schreiben nachzugehen" (Bloch 161). 20jährige Arbeit an einem medizinischen Fachlexikon. Einziges Exemplar geht auf einem Schiff vor der holländischen Küste unter. Danach tritt er an die Herausgeber der E. heran und bietet seine Mitarbeit an. Arbeitet ohne Honorar mit und bezahlt aus eigener Tasche bis zu 5 Sekretäre, die ihm zu arbeiten. Verfasser von 17266 Artikeln für die E., übernimmt ab 1760 die Herausgabe der Bände. Nach Vollendung der Arbeit zieht er nach Compiègne und stirbt dort, "so ruhig, wie er gelebt hatte" (Bloch 417


Unter "grotte" verstehe man die "Höhlen/Hohlräume" (cavernes, creux) oder die leeren Räume (espaces vuides), denen man im "Schoß der Erde" (sein de la terre) begegne, vor allem im Innern der Berge. 

Die Entstehung würde Buttner und der Großteil der Naturalisten auf die Folgen der weltweiten Sintflut oder anderer besonderer Großereignisse zurückführen, die durch unterirdische Feuer verursacht worden wären. Als weiterer Grund wird genannt, daß sie auch durch Wasser, das in die Berge und Felsen eindringt, das weicheres Material wie Erde und Sand in den härteren Felsen lockert und dann mit sich reißt, entstehen können. Man nennt das heute die Wirkung der Erosion (> Shaw 133).

Die Höhlen würden sich hinsichtlich ihrer Größe und der Erscheinungsformen, die in ihnen vorkommen, unterscheiden. Es gäbe kaum ein Berggebiet, wo man keine Höhlen finden würde.

Nun beginnt eine Aufzählung von damals bekannten Höhlen und eine mehr oder weniger ausführliche Beschreibung von ihnen, wobei nicht unterschieden wird, ob es sich da um Naturhöhlen oder künstliche Höhlen handelt. Genannt werden

- Baumannshöhle
- Grotte von Antiparos
- grotte d'Arcy 
- Kristallklüfte in der Schweiz
- grotte du chien
- Méphitis von Hiérapolis
- caverne de Corycia in Cilicien (antre de Typhon)
- grotte du desert de la tentation, Palästina
- grotte de Naples (grotte de Pouzzoles)
- grotte de Notre Dame de la Balme, Dauphiné
- grotte de Quingey, Franche-Comté
- grotte de la Sibylle, Königreich Neapel
- grottes de la Thébaide

Am Ende kommt noch das Stichwort GROTTE ARTIFICIELLE, worunter alle Bauwerke gerechnet werden, die vom Menschen geschaffen wurde und die Naturhöhlen imitieren. Als Beispiel wird die Grotte in Versailles genannt.

....wird fortgesetzt

Erwähnte Autoren und Werke:

- Boizot - journal des savans, 9. September 1686
- Buttner (D.S., Querfurter Pfarrer) - Zeichen und Zeugen der Süntfluth
- Behrens - Hercynia curiosa
- Nau, P - voyage de la Terre-Sainte, liv. IV. ch. jv.
- Plinius liv. II. . j
- Tournefort - Voyage du Levant, tome I.

Querverweise zu anderen Stichworten mit Höhlenbezug:

- Arcy (Artikel von D. Diderot)
- Crystal
- Crystallisation
- Glaciere naturelle (Artikel von Baron d'Holbach)
- Pausilipe
- Pierre
- Thébaide (Artikel von Jaucourt)


Literatur:

Blom, Philipp Das vernünftige Ungeheuer, Eichborn Verlag Frankfurt a.M. 2005
Brüggemann, Linda Die "Encyclopädie" - Ein neues wissenschaftliches Bild der Welt, in: PRAXIS GESCHICHTE, September 5-2014, S. 33ff.
Flaig, Egon Die Niederlage der politischen Vernunft, zu Klampen, Springe 2017
Mattes, Johannes Reisen ins Unterirdische, Böhlau-Verlag, Wien Köln Weimar 2015
Precht, Richard David Erkenne dich selbst II, Goldmann, München 1. Auflage 2017
Puhl, Jan Wider den alten Unfug, in: Salzwedel, Die Aufklärung 91-98
Riermeier, Marianne, Steiner, Peter Maria Das philosophische Kochbuch - Zu Tisch mit großen Denkern, primus Verlag, Darmstadt 2010
Saltzwedel, Johannes (Hg.) Die Aufklärung - Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute, DVA, München 2017
Shaw, Trevor R. History of Cave Science, Sydney Speleological Society 1992

Links:

https://fr.wikisource.org/wiki/L’Encyclopédie/1re_édition/GROTTE

Sprache und Höhle


[ Index ] [ Englisch version ] [ Höhlen und Höhlengebiete ] [ Kunst ]
[ HöRePsy ] [ Höhlenschutz ] [ VHM ] [ Veranstaltungen ] [ Links ]