Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Sehsinn und Höhle


"Weißt du, was Sehen ist? Vermehren. Sehen ist Durchdringen und Vermehren. Oder auch Erfinden..... wenn du siehst, wirst du gleichzeitig auch selbst gesehen, dein Blick kommt zurück. Sehen, herrjeh: es kann auch Investieren bedeuten, oder Warten auf  Veränderung..die Form muß schwanken, alles muß schwanken, so brav ist Licht nicht.
Siegfried Lenz, Deutschstunde


Anläßlich der 2001er Tagung der Arbeitsgemeinschaft Höhle-Religion-Psyche in Gößweinstein hielt ich meinen ersten Vortrag zu diesem Thema. Anfangs erschien es mir nicht besonders ertragreich zu werden, doch im Laufe der Einarbeitung blitzten doch ein paar sehr spannende Aspekte auf. Der ganze Text ist in der Tagungsmappe abgedruckt, hier soll nur ein kurzer Abschnitt daraus zitiert werden:

"Die Wahrnehmung von "Form" in der Höhle

"Wo immer wir hinblicken, versuchen wir Formen zu erkennen, die uns an früher gesehene, ähnliche Formen erinnern. Auf diese Weise erkennen wir die Bedeutung dessen, was wir sehen, aufgrund vorangegangener Erfahrungen." Das Auge ist hier sehr aktiv, folgt den Linien, Kurven, Schatten und Ecken und erschließt sich daraus, soweit es geht, die Gestalten. Was wir sehen, ist stark von unserem momentanen Gefühlsleben mitbestimmt.

 


Ein schönes Beispiel für diese Aussage findet sind in einem alten Lesebuch für die österreichischen Grundschulen, das um die Jahrhundertwende erschienen ist. Da heißt es: "Was die Adelsberger Grotte vor allen übrigen Grotten auszeichnet, sind die zahllosen Tropfsteingebilde. Sie sind nach einer wahren oder eingebildeten Ähnlichkeit benannt worden und so findet man Wasserfälle, Springbrunnen, Menschen- und Tiergestalten usw.. Die schönste Gestaltung ist aber der Vorhang. Man denke sich von der etwas überhängenden Wand einen Vorhang in dem schönsten Faltenwurfe herabwallen, blendend weiß, aber mit braunen Streifen verbrämt, so dünn, daß dahinter gehaltene Lichter das Ganze vollkommen durchscheinend zeigen, und man denke sich diesen reizenden Faltenwurfvon Stien, so hat man eine schwache Vorstellung von diesem lieblichen Bilde, das in der düsteren Höhle doppelt anziehend ist.

 


Vielfalt und Einzigartigkeit sind die Kennzeichen der Formwahrnehmung in Höhlen.

Ich habe einmal mit Klaus Vater, einem langjährigen Höhlenforscherfreund aus dem Verein für Höhlenkunde in München, einen kleinen Versuch gemacht. Er hat mir alte Höhlenfotos gezeigt und ich habe ihm in einer Vielzahl von Fällen genau sofort sagen können, aus welcher Höhle die Fotos gestammt haben. Aus den Höhlen, wo ich noch nie vorher gewesen war und wo ich noch nie irgend welche Bilder gesehen hatte, kannte ich nichts, aber ich wußte ganz genau, daß ich von dort nichts kannte. Das ist schon sehr seltsam, denn scheinbar gibt es in allen Höhlen Strukturen, die einzigartig sind, und die man keine zweimal woanders wiederfindet – fast ist das wie bei den Menschen auf Passfotos und wie in der Wirklichkeit. Wir haben alle etwas Einzigartiges und etwas Gemeinsames.

Das "Gemeinsame" finden wir oft dann, wenn wir uns von der Ebene der konkreten Einzelerscheinung etwas "in die Luft erheben" und etwas mehr von "oben" die Dinge sehen, als abstrahieren von den unendlich vielen Einzelheiten. Beim Aspekt der Form kommen wir schnell auf die einfachen "Grundformen", den Kreis, den Halbbogen, das Dreieck, das Viereck, das Rechteck usw..

Wo finden wir diese "Grundformen" wirklich in Höhlen? Eigentlich nirgends – wo, das einigermaßen der Fall ist, ist die Örtlichkeit bestens bekannt unter den Höhlenfotographen. Dorthin geht man, um "klassische" Höhlenaufnahmen zu machen, wobei das klassisch ein Ausdruck dafür ist, daß solche Strecken so selten vorkommen. Meist sind die Höhlenprofile viel vielfältiger, unregelmäßiger, halt einzigartiger.

"Klassisch" ist zum Beispiel der "Reseau de Sauvas" in der Peyrechalhöhle in Südfrankreich. Welcher Höhlenfotograf möchte nicht dorthin gehen, um selber einmal diesen eigentlich nur recht kurzen, aber einfach von der Form her nicht überbietbaren Höhlengang selbst einmal aufzunehmen? Nichts ist da zwischen dem Anfang und dem Ende des Ganges, nur der Hohlraum, der allerdings auch nicht ideal rund ist, sondern, wenn man genau hinschaut, auch seine Abweichungen von der "Idealität" hat.

Auch der Höhleninhalt hat seine typische und seine atypische Formensprache. Stalaktiten und Stalagmiten sind die bekanntesten Erscheinungsformen, aber die tatsächliche Vielfalt ist eigentlich nur kategorisierend erfaßbar:

Im Grunde ist aber so ein Versuch, einmal systematisch an das heranzugehen, was man in der Höhle an Formen sieht, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ein paar Blicke in die Literatur z.B. zeigen sofort, daß das, was die Menschen wahrnehmen und in geglückten Fällen auch sprachlich gut wiedergeben, sofort wieder auf eine Riesenfülle hinausläuft, die sich systematisch-kategorisiernd überhaupt nicht sinnvoll erfassen läßt, weil sofort alle charakteristischen Einzelheiten verloren gehen.

Hierzu zwei kurze Beschreibungen, die als Beispiel für unendlich viele andere stehen sollen. Sie befassen sich alle mit dem Schlund von Raspo, der tiefsten Höhle Istriens und wurde von Ernst Felix Petritsch verfaßt:

"Die ersten paar Meter berührt die Strickleiter noch die Felswand, dann hängt sie frei und führt senkrecht in einen Raum hinunter, dessen Grenzen nirgends sichtbar sind. Endlose Finsternis von allen Seiten! In der Unendlichkeit, die sich hier auftut, nimmt sich das starke Sicherungsseil, an dem der Höhlenforscher hängt, wie ein Spinnfaden aus, und selbst die Strickleiter verschwindet. Nichts sieht man als das zitternde Kerzenlichtlein Tevinis, wie es sich in senkrechter Richtung entfernt und immer kleiner und kleiner wird. Fünfzehn Minuten vergehen, da beginnt das Lichtlein zu tanzen, bewegt sich in seitlicher Richtung, steht still. Tevini hat den ersten Vorsprung erreicht."

"Jetzt konnte die Magnesiumlampe in Wirksamkeit treten, um die Eindringlinge mit dem Raum vertraut zu machen, in dem sie sich befanden. Sie stehen auf einer Terrasse von über 20 m Länge und 5-8 m Breite; der Boden ist mit Schwemmstoffen und Sand erfüllt, begrenzt durch glattgeriebene, wellige Kalkwände. An drei Seiten steigen die Wände steil in die Höhe, scheinbar endlos, denn selbst bei Magnesiumlicht kam man die Decke nur erahnen, nicht sehen. Gegen Westen zu, wo es weiter in die Tiefe hinuntergeht, weichen die Wände nach oben immer mehr zurück und bilden einen gewaltigen, ellipsenartigen Hohlraum von 120 m Höhe und einem Längsdurchmesser von 100 m. Die Großartigkeit dieses Raumes ist überwältigend; hier fühlt der Mensch seine Kleinheit gegenüber den Gewalten der Natur. In eine eigentümliche, von Schwarz ins Grünliche spielende Farbe ist alles getaucht: die glatten, nassen, glitschigen Wände, die Decke, die Felsen; man könnte meinen, sich am Grunde des Meeres zu befinden, zwischen Algen, Seejungfern, Wassernixen – alle möglichen Fabelwesen kommen einem in den Sinn – so unwirklich, allem Gewohnten, Bekannten, Alltäglichen widersprechend, ist die ganze Umgebung."

Adalbert Stifter hat in dem Roman "Bergkristall" eine packende Szene beschrieben, die in einer Gletscherhöhle spielt. Zwei kleine Kinder geraten in diese fremde Welt unter der Erde:

"Die Kinder gingen nun in das Eis hinein, wo es zugänglich war.

Sie waren winzig kleine wandelnde Punkte in diesen ungeheuern Stücken.

Wie sie so unter die Überhänge hineinsahen, gleichsam als gäbe ihnen ein Trieb ein, ein Obdach zu suchen, gelangten sie einen Graben, in einen breiten, tief gefurchten Graben, der gerade aus dem Eise hervorging. Er sah aus wie das Bett eines Stromes, der aber jetzt ausgetrocknet und überall mit frischem Schnee bedeckt war. Wo er aus dem Eise hervorkam, ging er gerade unter einem Kellergewölbe heraus, das recht schön aus Eis über ihn gespannt war. Die Kinder gingen in dem Graben fort und gingen in das Gewölbe hinein und immer tiefer hinein. Es war ganz trocken, und unter ihren Füßen hatten sie glattes Eis. In der ganzen Höhlung aber war es blau, so blau, wie gar nichts in der Welt ist, viel tiefer und viel schöner blau als das Firmament, gleichsam wie himmelblau gefärbtes Glas, durch welches lichter Schein hineinsinkt. Es waren dickere und dünnere Bogen, es hingen Zacken, Spitzen und Troddeln herab, der Gang wäre noch tiefer zurückgegangen, sie wußten nicht wie tief, aber sie gingen nicht mehr weiter. Es wäre auch sehr gut in der Höhle gewesen, es war warm, es fiel kein Schnee, aber er war so schreckhaft blau, die Kinder fürchteten sich und gingen wieder hinaus...."

Die Wahrnehmung von "Farbe" in der Höhle

In unserem Sehorgan sind schon zwei verschiedene Systeme angelegt, um "Farbe" zu sehen, die Sehstäbe, die nur auf hell-dunkel reagieren, und die Sehzapfen, durch die wir Farbe wahrnehmen. Tagsüber, bei ausreichendem Licht, funktioniert unsere Farbwahrnehmung, nachts ist das Schwarzweißsehen aktiviert. Der Wechsel von einer Art zur anderen verändert auch unsere Gefühlswelt.

Die typische Grund"farbe" der Wahrnehmung in Höhlen ist schwarz. Das ist so grundlegend, daß wir uns ein wenig mehr damit auseinandersetzen sollten, wie die Dunkelheit auf den Menschen wirkt. Besonders drastisch hat es Pablo Neruda einmal formuliert: " Eine Minute Dunkel macht uns nicht blind." Wenn man mal für einige Zeit das Dunkel auf das Auge wirken läßt, dann hat das richtig eine reinigende Wirkung. Wir werden heute dauernd mit so vielen Bildern zugeschüttet, daß eine gewisse "Askese der Augen" nur gut tut. O.K., man kann auch einfach die Augen schließen. Aber man kann auch in eine Höhle gehen und das Dunkel sehen.

Auch erfahrene Höhlenforscher können gelegentlich von der Dunkelheit in den Höhlen tief beeindruckt werden. So beschreibt der Altmeister der Speläologie, Eduard Martel, ein Erlebnis bei der Erforschung des Gouffre de Padirac, so (das Boot war ihnen gerade untergegangen und alle Lichter waren verlöscht): "..la sensation du froid etait totalement annihilée par celle, réellement terrible, de ce noir parfait: et je comprends, depuis ce moment, la répulsion instinctive que l'ombre des cavernes inspire á certaines personnes; auparavant, je ne m'étais jamais imaginé l'horreur véritable de ces ténèbres souterraines, absolues comme le néant."

Sobald Licht in die Höhle eindringt, sobald hebt sich das Schwarz auf und die ganze Farbenpracht unter der Erde wird sichtbar. Da schlummern wunderbare Farben unter der Erdoberfläche, die faszinierend sind, sobald sie beleuchtet werden."....


Ein spannendes Spezialthema in diesem Zusammenhang ist die Untersuchung der Wirkung von Dunkelheit auf uns Menschen. Schließlich sind Höhlen ja  d a s  Reich der Dunkelheit. Dazu veröffentlichte CHRISMON in der Novemberausgabe 2013, S. 6, folgendes: "Im Dunkel fühlen wir uns weniger beobachtet und trauen uns deshalb, freier zu denken. Ein weiteres Ergebnis: Weil unsere Farbrezeptoren im Dunkel nicht aktiv sind, haben wir offensichtlich gelernt, schon bei Dämmerlicht aufs große Ganze zu achten, auch wenn wir Details noch wunderbar erkennen können. Das fördert kreative Ideen."


Literatur:

Link:

Rote Schlaze - die Farbe Rot ...in der Höhlenphotographie

Höhlen und die menschlichen Sinne.htm

Höhle, Religion, Psyche


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